An Silvester hatten Berlins Taxifahrerinnen und Taxifahrer genug zu tun, aber an manchen Tagen im Januar werden ihre Stundenumsätze auf das Niveau des Mindestlohns sinken. Trotzdem hat die Stadt innerhalb der letzten Wochen rund tausend neue Taxikonzessionen genehmigt. Eine Berliner Taxiunternehmerin hat eine Vermutung, wo diese Neulinge herkommen.
Claudia Jensen ist eine Taxiunternehmerin aus Berlin Steglitz. Sie kennt die Umsätze in ihrer Stadt (aus eigener Erfahrung) und sie weiß anhand einer öffentlichen Vergleichsstatistik, dass ihre Kolleginnen und Kollegen in Hamburg deutlich mehr Umsätze pro Stunde erzielen als die Hauptstadt-Taxis.
„Warum Hamburg deutlich höhere und somit wirtschaftliche Umsätze generiert, ist allgemein bekannt“, sagt Jensen: „Kaum appbasierte Mietwagen-Zulassungen (Uber, Bolt & Co.), strenge Beurteilungen bei der Vergabe von Mietwagen-Konzessionen und ein Konzessionsstopp für Taxikonzessionen. Diesen hatte die Hansestadt im letzten Jahr eingeführt, als klar wurde, dass die Kuchenstücke in der Hansestadt für die einzelnen Konzessionsbetreiber zu klein geworden sind.
In Berlin gibt es keine Begrenzung der Konzessionen. Wer die sehr niedrigschwelligen subjektiven und objektiven Voraussetzungen erfüllt, bekommt von der Behörde auch die Genehmigung zur Führung eines Taxibetriebs. „In den letzten Wochen wurden mehr als 1.000 neue Taxi-Konzessionen in Berlin ausgestellt“, schreibt Claudia Jensen in einem Brief an die Berliner Verkehrssenatorin Ute Bonde, der Taxi Times vorliegt.
Warum aber beantragen Unternehmen Taxikonzessionen, wenn die aktuelle Auftragslage keinerlei Aussicht auf ein einträgliches Geschäft ermöglicht? Claudia Jensen nennt in ihrem Schreiben die wahren Gründe: „Wir, als Taxi-Insider, wissen, dass diese Antragstellungen aus dem illegalen Mietwagengewerbe in das Taxigewerbe eindringen.“
Seit die Berliner Behörde unter der Regie von Ute Bonde und ihrer Vorgängerin Manja Schreiner den Mietwagensumpf effektiv eindämmt, wenden sich die bisherigen Mietwagenunternehmer samt ihrer kriminellen Energie nun (wieder) dem Taxigewerbe zu. Jensen befürchtet, dass das ehemals „seriöse Taxigewerbe“ durch appbasierte Vermittlungsplattformen unterwandert wird.
Somit bleiben den etablierten Berliner Taxiunternehmen und deren Fahrerinnen und Fahrern noch weniger Fahrtaufträge. Die ad hoc spürbare Folge ist nach Ansicht von Claudia Jensen, „dass die Taxifahrer*innen in Berlin momentan einen Stundenumsatz generieren, der oftmals in der Höhe des Mindestlohns ausfällt. Bei diesen geringen Umsätzen kann sich evtl. noch Einzelunternehmer (wie ich) ausbeuten, aber angestellte Fahrer*innen können zukünftig nicht mehr entlohnt werden. Die Folge wird in sehr kurzer Zeit sein: Massenhafte Schließungen/ Insolvenzen von Taxi-Mehrwagen-Unternehmen, wie sie seit 2021 bereits in hoher Zahl in Berlin zu beklagen sind.“
Da das Taxigewerbe Daseinsvorsorge ist, bittet Claudia Jensen Frau Bonde als zuständige Verkehrssenatorin um Unterstützung. „Folgen Sie der Forderung von Tino Schopf, zeitnah einen Beobachtungszeitraum mit einem Konzessionstopp sowie Mindestbeförderungsentgelte (MBE) für appbasierte Mietwagen-Vermittlungen durchzusetzen.“
Sie steht mit dieser Forderung nicht alleine: Auch die Unternehmerin Sonja von Rein hat einen Brief an Frau Bonde geschrieben, in der sie ebenfalls auf die prekäre Lage der Branche hinweist: Solo-Taxiunternehmer würde aufgeben, weil ihnen mit ca. 20 Euro Umsatz pro Stunde nach Abzug der Kosten nicht einmal der Sozialhilfesatz zum Leben übrigbleiben würde. Firmen mit angestellten Fahrern müssten aufgeben, weil sie ihren Fahrern nicht einmal ansatzweise den Mindestlohn zahlen können. Sonja von Rein nennt auch ein konkretes Beispiel: „Ende letzten Jahres hat eine mir bekannte Firma mit neun Taxen Insolvenz angemeldet. Die ca. 20 Fahrer haben jetzt keine Arbeit mehr.“
Frau Jensen und Frau von Rein bekräftigen mit ihren Briefen, was die vier Berliner Taxigewerbeverbände bereits im Sommer 2025 angestoßen haben, als sie aufgrund eines gemeinsamen Beschlusses einen Antrag für einen Beobachtungszeitraum für das Berliner Taxigewerbe gestellt haben, damit die Herausgabe von weiteren neuen Taxi-Konzessionen so schnell wie möglich ausgebremst wird. Dies sei besser als ein absoluter Konzessionsstopp, vor dem alle Rechtsexperten regelmäßig abraten, weil dieser mutmaßlich schnell weg geklagt werden könnte.

„Es wurde von Seiten der Berliner Verwaltung signalisiert, dass der Beobachtungszeitraum unmittelbar vor der Einführung Anfang des Jahres 2026 steht“, berichtet Hermann Waldner gegenüber Taxi Times. Waldner ist Vorstand des Berliner Verbands Taxi Deutschland e.V. Auch der Bundesverband Taxi (BVTM) bringt die Dringlichkeit eines solchen Konzessionsstopps in seinen politischen Gesprächen regelmäßig zur Sprache (Taxi Times berichtete).
Nun also auch zwei Berliner Taxiunternehmerinnen, die den Kampf um ein wirtschaftliches Auskommen täglich live auf Berlins Straßen miterleben. Den Brief an Frau Bonde haben beide unabhängig um die Jahreswende geschrieben. „Neben unseren eigenen Forderungen an die Politik begrüßen wir es, dass auch Taxiunternehmen sich direkt mit Forderungen an die Berliner Politik wenden. Wir müssen zusammen halten und gemeinsam Stärke zeigen“, findet Claudia Jensen und Sonja von Rein Zuspruch bei Hermann Waldner.
Die Briefe erinnern die Berliner Politik samt ihrer Verkehrssenatorin damit sehr eindringlich daran, was vom Taxigewerbe im neuen Jahr von der Berliner Politik erwartet wird: Schnelle politische Entscheidungen, mit denen die prekäre Lage des Berliner Taxigewerbes gestoppt und mit denen gleichzeitig die Unterwanderung der Taxibranche durch Plattformanbieter und illegalen Mietwagenbetrieben als deren Handlanger verhindert wird. jh
Beitragsfoto: Axel Rühle








