Ein Hauptthema im Glückstädter Kreis, dem Branchentreff der norddeutschen Taxler, war der notwendige Zusammenschluss der digitalen Bestelloptionen zu einer gemeinsamen App.
Das Thema der Notwendigkeit einer gewerbeeigenen Vermittlungs-App für das deutsche Taxigewerbe war DAS große Thema im Glückstädter Kreis und zog sich durch mehr oder weniger alle Impulsvorträge, die dort als Diskussionsgrundlage dienten. Es fing mit Guido Sembachs Bericht über den Kampf der Taxler um einen auskömmlichen Krankenfahrttarif in Mecklenburg-Vorpommern an, aber eben auch um deren Kampf gegen branchenfremde Apps wie Qrago oder Moxy. Daran schloss sich nahtlos Dirk Ritter von der Hamburger Genehmigungsbehörde an, der darstellte, dass Uber & Co allein schon wegen deren einheitlicher digitaler Bestelloptionen einfach viel cooler als das klassische Taxi mit seinen vielfältigen Telefon-Nummern sei.
Hermann Waldner, Inhaber der Berliner Taxizentrale und Präsident des Landesverbandes Taxi Deutschland Berlin e. V. brachte das Thema dann auf den Punkt, als er dem Publikum die vom BVTM unterstützte App taxi.eu als Lösung für das deutsche App-Chaos nahelegte. Jan Grupe als verantwortlicher Veranstalter berichtete dagegen von seiner Kooperation mit Freenow by Lyft als Lösung für Taxi Alstertal in Hamburg, wohl wissend, dass diese branchenfremde App sich nach wie vor als janusköpfiges Ungeheuer herausstellen könnte. Eine wiederum andere Perspektive trug Dirk Ritter in seinem zweiten Impulsvortrag bei, wo er die Frage stellte, ob die Zukunft wohl eher dem Einzel- oder dem Mehrwagenunternehmer gehöre. Es kam aber auch zur Sprache, dass eine einzige Zentrale den Taxlern oftmals nicht mehr zum Überleben reicht.
Auch am zweiten Veranstaltungstag stand das einheitliche und positive Aurtreten der Branche im Fokus. Die Vorträge von Jürgen Hartmann als Herausgeber der Taxi Times und Thomas Sell als Berater der Hamburger Taxen Union prägten die Notwendigkeit, das Taxi wieder als positive Marke in die öffentliche Wahrnehmung zurückzuholen.
Sehr plakativ beschrieb Thomas Sell eine mögliche Zukunft, indem er von seinen Eindrücken einer Südafrikareise berichtete: Dort ist die Horrorvision der europäischen Taxler bereits Realität. Am Taxistand steht ein einsames Taxi umringt von 20 ebenfalls wartenden UBER-Fahrzeugen. Eine gemeinsame App wäre das ideale Vehikel, um diese Zukunft zu verhindern, denn lokale Marketingkampagnen sind in Zeiten von TikTok, Instagram und Co einfach nicht mehr zielführend.
Zu guter Letzt führte dann auch Michael Mühlin als ehemalige Chef von Rheintaxi Düsseldorf und heutiger Unternehmensberater, das Publikum in seine Welt einer digital orientierten Unternehmensführung ein und beschrieb ebenfalls App-basierte Vermittlungen mit vollem Zugriff auf die digitalen Auftragsdaten als einzigen Weg in eine Zukunft, wo sich die Branche neben den plattformbasierten Anbietern behaupten könnten. Dies konnte er auch sehr gut anhand der Erfolge eCabs aus Malta belegen, für das Mühlin beratend tätig ist. Bei eCabs konnte man im Kampf gegen Uber und Bolt auf diesem Weg mehr oder weniger erst im letzten Augenblick noch den Untergang verhindern.
Ein Großteil der Kunden will heute sein Taxi – oder eben auch den Uber, wenn Taxi das nicht kann – per Smartphone ordern, bestenfalls mit einigen wenigen Klicks oder per Chatbot, egal wo man ist und ohne zwischenmenschliche Kommunikation oder lästige Rückfragen. Zudem wollen sie vor der verbindlichen Bestellung wissen, was die Fahrt kosten wird und fast ausnahmslos wollen die Fahrgäste bargeldlos zahlen. Bei der Qualität von Auto und Personal sind sie dabei offensichtlich sogar kompromissbereit – Hauptsache, man muss sich nicht erst aufwändig anmelden oder registrieren.

Im Ergebnis wurde somit mehr als klar, dass es bundesweit den einen digitalen Zugang zur Marke Taxi geben muss, der in Berlin, München, Hamburg, Köln aber auch Kleinkleckersdorf gleichermaßen funktioniert. Er mag dann regional vielleicht auch zusätzlich unter einem lokalen Namen beworben werden, wichtig scheint aber, dass die Hansa-App und die Berlin- oder die Bayern-Taxi-App alle letztlich auf exakt dieselbe Oberfläche zugreifen und parallel eben auch unter ihrem überregionalen Namen – wie auch immer der lauten mag – erreichbar ist.
Klar muss den Taxlern, aber auch den Genossenschaften sein, dass ein solches Angebot nicht gratis zu haben ist. Früher zahlte man pauschal an die Zentrale, heute scheint es sinnvoller, dass man pro Auftrag zahlt, um alle Vermittlungsoptionen gleichzeitig nutzen zu können. Wer dann mehr Aufträge vermitteln kann, der macht auch mehr Umsatz, das diesbezügliche Risiko muss aber bei den Vermittlern liegen und nicht bei den einzelnen Unternehmen.
Natürlich gibt es schon einige große und kleinere zumindest gewerbenahe Plattformen – taxi.eu, taxi.de, Freenow by Lyft, smartmove/MPC und wohl auch einige andere mehr, aber sie kooperieren eben (noch) nicht miteinander und sie verfolgen auch – grundsätzlich verständlicherweise – jeweils ihre eigene Strategie. Im Glückstädter Kreis war man sich aber einig, dass der derzeitige Flickenteppich den Erfolg der Branche behindert und nur eine bestenfalls gewerbeeigene App dem Gewerbe die Tür zu einer lebenswerten Zukunft öffnen kann. Sollte eine Fremd-App das Rennen gewinnen, dann gleicht dies einer Kapitulation auf Raten, wie es Hermann Waldner formulierte. Passend dazu berichtete ein Teilnehmer, dass die Fremd-App Qrago gerade jetzt zum Jahreswechsel ungekündigt und unabgesprochen seine Provision pro Auftrag mal eben deftig erhöht hat. Dort kauft sich die Branche also die vormals eigenen Aufträge zu stets steigenden Preisen Tag für Tag wieder zurück.
Auch den genannten gewerbenahen Plattformanbietern sollte dabei klar sein, dass ihr Angebot nur überleben kann, wenn die Branche überlebt. Statt win/win verbindet beide ein survive/survive. Bisher dreht sich das Gewerbe aber eher wie ein altersschwacher Tanzbär zwischen den Statements der verschiedenen Softwareanbieter, die immer nur von den jeweils anderen Anbietern geeignete Schnittstellen verlangen, ohne selbst die Hoheit über ihre Lösungen aufgeben zu wollen. Inzwischen aber darf wohl niemand mehr verlangen, dass sich die anderen einem Angebot unterordnen, egal, ob verbandseigen oder privatwirtschaftlich basiert. Eine Oberfläche für alle ist die einzig zweckmäßige Anforderung.
Eher spontan stellte sich im Glückstädter Kreis die Frage, ob nicht genau aus diesem Kreis nicht nur ein allgemeiner Appell, sondern auch ein konkreter Auftrag ausgehen solle, mit dem die vorhandenen Plattformer für das Gewerbe endlich mal an einen Tisch gezwungen werden könnten. Gesagt, getan, mit Thomas Sell und Jens Marggraf waren zwei neutrale und kompetente Initiatoren anwesend, denen der Glückstädter Kreis schließlich den ganz konkreten Auftrag mitgab, ergebnisoffen eine übergreifende Kooperation der verschiedenen App-Anbieter zu initiieren, wie auch immer dann deren Lösung aussehen werde. Nun ist es sehr spannend, wie sich die Softwareanbieter zu dieser Initiative verhalten werden und ob es vielleicht doch noch zeitnah einen Namen und einen App-Zugang zu Branche bundes- oder vielleicht sogar europaweit gibt. rw
Beitragsfoto: Chat GBT/Remmer Witte & Taxi Times






