In einem Interview mit der deutschen Tageszeitung „Welt“ bezeichnet Bolt-Geschäftsführer Markus Villig Arbeitnehmerschutz als „rückwärtsgewandt“, MBE als „Bullshit“ – und als „gut für die Gesellschaft“, wenn die Taxi-Branche ausstirbt.
Eine Meldung mit Kommentar
Uber-Gründer Travis Kalanick sorgte einst mit seiner Formulierung „ein Arschloch namens Taxi“ für Aufsehen. Solche populistischen Aussagen erscheinen beinahe als harmlose infantile Ungezogenheit im Vergleich zu einigen Ansichten, die der Gründer seines Konkurrenten Bolt jetzt in einem Zeitungsinterview dargelegt hat.
Der estnische Plattformvermittler Bolt Technology OÜ, 2013 in Tallinn vom damals 19-jährigen Schüler Markus Villig als „Taxify“ gegründet, bewegt sich mit seinem Konkurrenten Uber auf Augenhöhe, wenn es darum geht, sich mit Preisdumping Marktanteile zu sichern und dabei Rechtsverstöße und Sozialversicherungsbetrug durch die ausführenden Mietwagenbetriebe in Kauf zu nehmen. Doch der Geschäftsführer scheint sich dessen nicht bewusst zu sein. In einem Interview, das er letzte Woche einem Redakteur des „Wirtschaftskompetenzcenters von Welt und Business Insider Deutschland“ gab, sagt Villig, vor zehn Jahren sei der richtige Moment gewesen, um Bolt zu starten – der Markt sei reif gewesen für Disruption. Heute sei das nicht mehr der Fall. Es gebe bereits einige starke Anbieter, der Wettbewerb sei extrem.
„Es gibt in Europa selten die eine Regel, die alles zerstört“, sagt Villig auf die Frage des „Welt“-Redakteurs, ob das auch an den wirtschaftlichen Voraussetzungen und Regulierungen in Europa liege. „Es ist eher der Tod durch tausend Schnitte. Immer neue Vorschriften, die Unternehmen im Alltag belasten.“ Große Unternehmen wie seines könnten das noch stemmen, denn sie könnten Compliance-Mitarbeiter einstellen, die den ganzen Tag sinnlose Formulare ausfüllen. Für Start-ups sei es jedoch verheerend. „Europa kann vielleicht noch fünf Jahre so weitermachen – danach braucht es einen Reset. Sonst werden wir komplett irrelevant. Im Ride Hailing ist der deutsche Markt faktisch nicht existent.“
Die Aussage steht im Widerspruch zum Straßenbild fast jeder deutschen Großstadt (außer Hamburg), wo Taxifahrer beim Herumstehen den besetzt vorbeifahrenden Mietwagen zusehen können, deren (nur durch Rechtsverstöße möglichen) Dumpingpreise die Konsumenten allzu gerne bezahlen. Diesen Umstand spricht auch der Interviewer an, worauf Villig vorrechnet, in London gebe es 120.000 „private Fahrer“, in Berlin weniger als 4000. Berlin sei aber nicht 30-mal kleiner als London. (London hat knapp 2,5 mal so viele Einwohner wie Berlin.)
Der einzige Grund für die Diskrepanz sei die „veraltete Regulierung“, die verhindere, „dass Millionen Zugang zu günstiger Mobilität haben“. Wenn das anders wäre, würden wir problemlos 100 Millionen, eher mehrere Hundert Millionen Euro investieren: in Technologie, Fahrzeuge für Fahrer, lokales Marketing. Wir hätten wahrscheinlich zehnmal so viele Mitarbeiter in Deutschland. Aber so ist es schlicht unmöglich.
Laut Villig ist Bolt „profitabel“, auch in Deutschland. Von Ubers Seite gab es ebenfalls schon Aussagen, man habe im einen oder anderen Quartal schon schwarze Zahlen erreicht – was von mancher Seite angezweifelt wird –, doch finanziert Uber sich bekanntlich von Beginn an dadurch, dass Sponsoren, die über scheinbar unendlich viel Geld verfügen, immer weiter hohe Sponsorenbeträge erübrigen, die sie praktisch in ein schwarzes Loch werfen. Wie sollte es bei Bolt anders funktionieren?
Hier kommt das Thema Börse ins Spiel, erst recht angesichts der zu erwartenden Kosten für autonome Fahrzeuge. Laut Villig sind Milliardenkosten zu erwarten, die durch einen Börsengang beschafft werden könnten. Doch auch dafür seien Europas Kapitalmarktregeln so „miserabel“, dass „die Börsen sterben“ würden. Dass US-Verbraucher 20-mal aktiver an Aktienmärkten handeln als Europäer, liege nicht etwa daran, dass sie reicher seien – sondern weil in Europa die Aktienkultur fehle, was der Wirtschaft massiv schade. Ohne Reformen werde es in Europa keine erfolgreichen Börsengänge von Tech-Unternehmen geben (die als wachstumsstark und hoch bewertet gelten, aber starken Kursschwankungen unterliegen und nicht von vornherein profitabel sind).
Das alles klingt nach jemandem, der der Auffassung ist, Wert lasse sich weniger durch produktive Arbeit erzeugen als durch Finanzgeschäfte, bei denen das von anderen generierte Vermögen abgeschöpft wird. Folglich fragt der Redakteur den Bolt-Chef, ob er auch die Sorgen europäischer Taxiunternehmer verstehen könne. Villigs Antwort: „Natürlich. Sie haben am meisten zu verlieren. Aus Sicht einer Taxilobby ist es logisch, Wettbewerb verhindern zu wollen. Aber Politiker sollten das Gesamtwohl im Blick haben. Warum sollten sie für eine kleine Lobby optimieren? Das ist vollkommen absurd.“
Die Forderung von Mindestbeförderungsentgelten für Mietwagen (MBE), die aus dem Taxigewerbe kommt und von einigen Behörden geprüft wird, tut Villig als „jedes Jahr irgendein neuer Bullshit“ ab, der dem Wohl der Verbraucher bzw. der Gesellschaft zuwiderlaufe, indem er Wettbewerb blockiere. Das sei „rückwärtsgewandt“ und „ein Paradebeispiel dafür, wie Europa sich selbst schadet“. Nicht grundlos sei Ride-Hailing ein so beliebter Job, dass die Bewerber nur so Schlange stünden.
Gleichzeitig redet Villig völlig offen darüber, dass er selbstfahrende Autos als das einzige ansieht, was in zehn Jahren noch zähle, da sie günstiger, sicherer und bequemer seien und Millionen Menschen in ihnen fahren wollten. Er ist sich hundertprozentig sicher, dass man künftig keine Fahrer mehr braucht. Auch, wenn es womöglich noch 20 Jahre dauern würde, habe man das Ziel, „Bolt als führenden europäischen Player in diesem Bereich zu positionieren.“ Hierbei wolle man mit dem chinesischen Unternehmen Pony.ai kooperieren, da „es in Europa kein einziges ernst zu nehmendes autonomes Autounternehmen gibt.“ Das sei eine Katastrophe. „Wenn wir diese Technologie nicht selbst entwickeln, ist die europäische Autoindustrie am Ende.“ Die europäischen Autohersteller seien bereits in Panik, da keiner über die Technologie verfüge (abgesehen davon, dass ihre Autos doppelt so viel kosten würden wie chinesische). Daher sei man auf die USA oder China angewiesen, wobei die USA mit ihrem Fokus auf das eigene Land nicht schnell genug liefern könnten, daher die Wahl auf China.
Ein Punkt, bei dem Villig Vertrauen in Europa Behörden setzt, ist immerhin der Datenschutz. Die Sorge um diesbezügliche Risiken bei chinesischen Unternehmen, vor denen Cybersicherheitsexperten warnen, teile Villig hundertprozentig. Die Fahrzeuge müssten von europäischen Firmen kontrolliert werden und die Software müsse hier geprüft werden, damit die Daten in Europa bleiben. „Ohne das darf diese Technologie nicht auf den Markt – egal, ob sie aus China oder den USA kommt.“ Ob es dann nicht doch sicherer wäre, die Autos gleich in Europa bauen zu lassen? Villig winkt ab: fünf Jahre längere Entwicklungszeit, dreimal so hohe Kosten, doppelt so hohe Fahrzeugpreise – so könne Europa nicht bestehen. „Wenn wir das nicht drehen, wird die Welt Autos aus China kaufen.“
Villig geht noch weiter und nutzt das Thema für eine Generalabrechnung mit seinem Heimatkontinent. Er kaufe vorzugsweise in Europa, doch wollten Kunden am Ende das beste Produkt zum besten Preis, und im Technologiebereich habe Europa in den letzten 30 Jahren „nichts Relevantes“ hervorgebracht.
Die nachfolgende Auflistung widerlegt diese steile These des Herrn Villig: Siemens (Deutschland – Industrie 4.0, industrielle Automatisierung & IoT); ASML (Niederlande – EUV-Lithografie für modernste Halbleiterfertigung); Nokia (Finnland – Mobilfunkstandards (2G–5G, Netzwerktechnik); Ericsson (Schweden – Mobilfunkinfrastruktur & 5G-Technologie); Transgene (Frankreich – Krebsimpfstoffe); Nuclidium (Schweiz/Deutschland – Diagnose und Therapie von Krebs); DeepMind (Großbritannien – Künstliche Intelligenz, Reinforcement Learning); ARM (Großbritannien – Chip-Architekturen für mobile & energieeffiziente Prozessoren); Adyen (Niederlande – Globale Zahlungsabwicklung & Embedded Finance); Klarna (Schweden – „Buy Now, Pay Later“-Finanztechnologie); Affibody (Schweden – innovative Pharmazeutika zur Krebsbehandlung); Universal DX (Spanien – früherkennende Bluttests für Krebs); Revolut (Großbritannien – Digitale Bankplattform & FinTech-Infrastruktur); Northvolt (Schweden – Lithium-Ionen-Batterien für Elektromobilität); Dassault Systèmes (Frankreich – 3D-Design-Software & digitale Zwillinge) ; SAP (Deutschland – Unternehmenssoftware, In-Memory-Datenbanken wie z. B. HANA).
Den Grund dafür, dass in den letzten 30 Jahren also kein einziges europäisches Unternehmen auch nur irgendetwas Relevantes im Technologiebereich hervorgebracht hat, sieht Villig unter anderem – große Überraschung – in zu viel Regulierung. Für große Bereiche der Wirtschaft mag das stimmen. Nicht ohne Grund ist in der Zeit der Ampel-Regierung die Zahl der Firmeninsolvenzen stetig gestiegen, nachdem sie vorher 18 Jahre lang stetig gesunken war. Nicht ohne Grund wandern jedes Jahr weit über 100.000 überwiegend hochqualifizierte Fachkräfte aus Deutschland ab (während besonders seit 2015 gering Qualifizierte in noch weitaus höherer Zahl einwandern). Nicht ohne Grund wurden alleine von 2021 bis 2023 über 50.000 Arbeitsplätze deutscher Unternehmen ins Ausland verlegt.
Der Grund für diese Entwicklungen ist sicher zum Teil die berüchtigte europäische Bürokratie, die besonders in Deutschland einen schlechten Ruf hat. In einem Bereich aber besteht in Deutschland nach Einschätzung qualifizierter Experten keine Überregulierung, sondern das Gegenteil, und das in Kombination mit einem Vollzugsdefizit: am Markt für individuelle Personenbeförderung. ar
Beitragsbild: Autos (Foto: Axel Rühle) und im Vordergrund Markus Villig (Foto: Web Summit / Source: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2021_-_Centre_Stage_DG4_5800_(51654150731).jpg#:~:text=DG4%5F5800); Collage: Taxi Times





