Berlins Taxigewerbe hatte bis vor Kurzem noch fünf Landesverbände. Da das Taxisterben für Mitgliederschwund sorgt, löst sich einer derzeit auf, während der jüngste bemerkenswert gewachsen ist.
In der Vorstellung der normalen Kundschaft ist die Berliner Taxi-„Innung“ wohl so etwas wie Berufsgenossenschaft, Aufsichtsbehörde und Strafvollzugsorgan für Taxifahrer in einem, vor allem aber die einzige Gewerbevertretung Berlins. Letzteres war sie tatsächlich für lange Zeit. Der aus der im Jahr 1900 gegründeten Personen-Lohnfuhrwerks-Innung hervorgegangene Verband hatte – nach einigen Auflösungen und Neugründungen – seine Blütezeit in den 1970er- bis 1990er-Jahren in West-Berlin unter ihrem legendären Vorsitzenden Heinz Peter, der 2022 mit 92 Jahren starb, und an den zuletzt bei der Jubiläumsfeier im letzten Sommer erinnert wurde.
Seit den späten 2010er-Jahren war Vorstandsmitglied Rolf Feja zu einer Art „Gesicht des Berliner Taxigewerbes“ geworden, da er nicht nur engagierter Gewerbevertreter war, sondern auch Sympathieträger und Verkörperung des „alten Berliner Kutschers“ in den Medien. Feja starb im April 2024.
Die „Innung“ des Berliner Taxigewerbes e. V. ist traditionell ein Verband der Ein-Wagen-Unternehmer, was sich auch in ihrer derzeitigen, stark geschrumpften Mitgliederstruktur widerspiegelt: Der Verband mit Leszek Nadolski als heutigem erstem Vorsitzenden und Gesicht der „Innung“ hat heute noch rund 100 Mitgliedsbetriebe mit insgesamt etwa 120 Taxis.
Ende 2023 beschlossen die Mitglieder mehrheitlich den Austritt der „Innung“ aus dem Bundesverband Taxi und Mietwagen e. V. (BVTM). Im darauffolgenden Jahr wurde sie beim Taxi- und Mietwagenverband Deutschland e. V. (TMV) erst assoziiertes Mitglied, später volles Mitglied. Schwerpunkt der heutigen „Innungs“-Arbeit sind Krankenfahrten.
Einst von der „Innung“ abgespalten und auf Mehrwagenbetriebe ausgerichtet startete 1975 der Berliner Taxiverband, der sich später in Taxiverband Berlin umbenannte. Bekannt war der langjährige Vorsitzende Detlev Freutel, der als Aushängeschild erfolgreich Gewerbepolitik in Zusammenarbeit mit seinem zweiten Vorsitzenden Boto Töpfer machte. Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde der Verband in Taxiverband Berlin, Brandenburg e. V. (TVB) umbenannt, was aber zunächst keine große inhaltliche Veränderung mit sich brachte.
Nachdem Freutel Anfang September 2020 verstarb, rückte Töpfer in die erste Reihe auf und baute den Verband zu einer Gewerbevertretung aus, die beide Länder gleichermaßen vertritt, indem er unter anderem den in Rathenow ansässigen Unternehmer und Gewerbevertreter Fred Meier und den märkisch-oderländischen Unternehmer Mike Kehrer in den Vorstand holte. Da letzterer derzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht aktiv ist, wird die Verbandsarbeit hauptsächlich von Boto Töpfer und Fred Meier ausgeführt. Die Zahl der Mitgliedsbetriebe liegt bei rund 25, die zusammen knapp die gleiche Anzahl an Taxis betreiben wie die der „Innung“.
Als auch im TVB zunehmend Unternehmer unzufrieden mit der Verbandsarbeit waren, traten einige aus und gründeten 2003 einen neuen Verband, den sie Berliner Taxivereinigung e. V. (BTV) nannten. Offiziell erklärte die BTV sich ebenfalls für Berlin und Brandenburg zuständig. Sie setzte sich unter anderem gegen Schwarzarbeit im Gewerbe ein. Ihr langjähriger Vorsitzender Richard Leipold, der unter anderem mit einer Klage gegen Uber sowie mit einer Smartphone-App zum Melden von Rechtsverstößen durch Mietwagenfahrer Bekanntheit erlangte, ist heute nicht mehr als Unternehmer tätig, da er es als nicht mehr möglich bezeichnet, unter den derzeitigen politischen Bedingungen legal als Taxiunternehmer wirtschaftlich zu arbeiten. Obwohl die Internetseite der BTV noch online ist, befindet die BTV sich in der Liquidation. Die BTV war als einziger der hier aufgeführten Verbände nie zum behördlichen Anhörungsverfahren berechtigt und wurde ein gewisses Außenseiter-Image, das jeder neu gegründete Verband zu Beginn hatte, nie ganz los.
Der im Mai 2011 gegründete Berliner Taxibund e. V. (BTB) wurde nie so bekannt wie die anderen Verbände und wird von ihnen auch eher skeptisch beäugt, ist aber wie alle außer der BTV im Anhörungsverfahren. Mehrere Jahre lang war Fikret Arik der Verbandsvorsitzende. Seit 2022 steht der Softwareentwickler Özgür Mergün an der Spitze des BTB. Mit etwa 20 Mitgliedsbetrieben mit knapp 100 Taxis ist der Einfluss des BTB eher gering.
Im Juni 2013 gründeten Stephan Berndt und Ertan Ucar einen neuen Landesverband, in dem sich auch die inzwischen zahlreichen von Migranten geführten Betriebe heimisch fühlen und Einfluss haben sollen. Sie nannten ihn Taxi Deutschland Berlin e. V. – nicht zu verwechseln mit der ziemlich gleichnamigen bundesweiten Zentralenvereinigung Taxi Deutschland eG. Später führte Dauer-Vorstandsmitglied Ahmad Vahdati den Verband zeitweise. Wie Irene Jaxtheimer ist er seit der ersten Stunde Vorstandsmitglied.
Einer der erfolgreichsten Funktionäre im Berliner Taxigewerbe ist allerdings seit Ende der 2010er-Jahre der Inhaber und Geschäftsführer der Funkvermittlung Taxi Berlin, Hermann Waldner, der 2016 zum Vizepräsidenten des Bundesverbandes gewählt wurde.
Waldner übernahm 2024 die Leitung des Landesverbandes Taxi Deutschland Berlin. Er hat als Verbandspräsident Baustellen wie Festpreise und MBE in Angriff genommen und die Kontakte zur Politik wie in Heinz Peters Zeiten wieder zum Leben erweckt. Dadurch, dass die Zentralen-Betreibergesellschaft Taxi One GmbH Mitglied bei Taxi Deutschland Berlin e. V. ist, vertritt der Verband aktuell 1.079 Taxiunternehmen mit insgesamt rund 5.000 Autos und ist damit die mit Abstand einflussreichste Berliner Gewerbevertretung.
Mit Ausnahme der „Innung“ und des BTB sind alle Verbände BVTM-Mitglieder. ar
Beitragsbild: Axel Rühle








