Mit kleinen Elektrofahrzeugen auf kurzer Strecke setzt der Fahrdienstleister Bolt neue Akzente – und sorgt in Nürnberg für große Unruhe im Taxigewerbe. Die Frankenschau aktuell des Bayerischen Rundfunks berichtet über den Start der sogenannten „Little Bolts“, mit denen Nürnberg zur bundesweiten Pilotregion für ein neues Angebot des Fahrtenvermittlers wird.
Seit rund drei Wochen rollen zehn chinesische E-Kleinwagen durch die Nürnberger Innenstadt. Die Fahrzeuge vom Typ BYD Dolphin Surf dürfen ausschließlich im Stadtzentrum eingesetzt werden und sind auf Fahrten bis maximal vier Kilometer begrenzt. Bolt wirbt offensiv mit günstigen Preisen – etwa für Wege zum Arzt, zum Einkaufen oder für andere kurze Alltagsfahrten. Nach Unternehmensangaben sind diese Fahrten nochmal bis zu 20 Prozent günstiger als reguläre Bolt-Angebote.
„Wir haben festgestellt, dass der Anteil an Kunden mit kurzen Fahrten steigt“, erklärt Christoph Hahn, Geschäftsführer von Bolt Deutschland. Aus diesen Daten heraus habe man entschieden, eine neue Fahrzeugkategorie einzuführen. Umgesetzt wird das Projekt vor Ort durch ein Nürnberger Mietwagenunternehmen. Dessen Geschäftsführer Ali Miran sieht vor allem wirtschaftliche Vorteile: geringere Anschaffungskosten, weniger Verbrauch, weniger CO₂ – und damit ideale Fahrzeuge für Kurzstrecken.
Genau hier schlägt die Sorge der Taxiunternehmen an. Die Taxigenossenschaft Nürnberg wehrt sich seit rund zwei Jahren gegen den Markteintritt von Bolt und warnt vor dramatischen Umsatzeinbrüchen. Gerade kurze Innenstadtfahrten gehören traditionell zum Kerngeschäft des Taxis – und sind für viele Betriebe wirtschaftlich unverzichtbar.
Auch die Stadt Nürnberg beobachtet die Entwicklung mit wachsender Aufmerksamkeit. Da Taxis Teil des öffentlichen Personennahverkehrs sind, lässt die Aufsichtsbehörde derzeit ein Gutachten zur Marktentwicklung in der Personenbeförderung erstellen. „Wenn ein Ungleichgewicht entsteht, das den ÖPNV in seiner Gesamtheit gefährdet, hätten wir die Möglichkeit zu reagieren – etwa mit der Festsetzung eines Mindestpreises“, so Stadtrechtsdirektor Olaf Kuch in dem Beitrag. Ein solcher Eingriff wäre rechtlich heikel und würde vermutlich vor Gericht landen, weshalb eine belastbare Datengrundlage entscheidend sei. Das Gutachten soll bis April vorliegen.
Bolt allerdings will nicht so lange warten. „Noch ein paar Wochen – nicht Monate – und dann würden wir den Service erweitern“, kündigt Hahn an. Nicht nur in Nürnberg, sondern perspektivisch in ganz Deutschland. Der Beitrag der Frankenschau fasst die Strategie zugespitzt zusammen: Über günstige Kurzstrecken in der Innenstadt sollen Taxi-Kunden abgeworben werden.
Dass das Modell international bereits erprobt wird, zeigt ein Blick nach Rumänien. In Bukarest bietet Bolt „Little Bolt“ mit noch kleineren Elektrofahrzeugen an. Die Jinpeng-Modelle erreichen bis zu 70 km/h, verfügen über verschiedene Fahrmodi und sollen eine Reichweite von bis zu 150 Kilometern pro Batteriesatz bieten. Bolt sieht darin einen Baustein auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen bis 2040 – und wirbt mit häufigeren Fahrten und besseren Einnahmemöglichkeiten für Fahrer.
Für das deutsche Taxigewerbe wirft der Nürnberger Test jedoch grundlegende Fragen auf: Wie fair ist der Wettbewerb auf kurzen Strecken? Welche Rolle spielt der Preis, wenn neue Fahrzeugkategorien gezielt in das klassische Taxi-Segment drängen? Und wie weit sind Kommunen bereit zu gehen, um das Gleichgewicht im urbanen Personenverkehr zu sichern? Die Antworten darauf könnten weit über Nürnberg hinaus Signalwirkung entfalten. nu
Beitragsfoto: Screenshot BR-Beitrag, nu








