Das neue Jahr beginnt mit einem Paukenschlag: Es gibt eine neue digitale Lösung für eine effiziente, transparente und bedarfsgerechte Steuerung von Krankenfahrten. Sie stammt aus dem Gewerbe für das Gewerbe und ermöglicht eine effiziente Abwicklung bei regulären Entlassungen aus Kliniken und bei Fahrten zu oder ab Reha-Einrichtungen im Rahmen einer stationären Behandlung.
Kostenfrei, transparent und praxisorientiert – eigentlich klingt die Ankündigung des Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN) zu schön, um wahr zu sein, aber nach einer langen und schweren Geburt hat sich das ehemalige „Rettertaxi“ nun tatsächlich unter dem neuen Namen „Smart Move“ zu einer digitalen Vermittlungsplattform gemausert, die Kliniken und das Taxigewerbe miteinander vernetzen kann, ohne dass Dritte Zugang zu den Vermittlungsdaten bekommen. Was in Hessen also kurz vor der Einführung steht, ist in Niedersachsen schon einen Schritt weiter.
Doch was genau ist smart move? Der GVN selbst beschreibt sein Angebot in einem Flyer, der sich vor allem an die Gesundheitseinrichtungen richtet, folgendermaßen: „In der heutigen, schnelllebigen Zeit stehen insbesondere Ihre Klinik- oder Leitstellenteams vor enormen Herausforderungen. Zeitdruck, volle Stationen und steigende Anforderungen machen effiziente Organisation unverzichtbar. Genau hier setzt smart move an: Unsere Plattform zur intelligenten Vermittlung von Krankenfahrten schafft Freiräume, die Sie dringend benötigen – kostenlos für Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Leitstellen und ähnliche Einrichtungen. Mit smart move müssen Sie nicht länger mühsam nach verfügbaren Beförderern suchen oder endlose Telefonate führen. Stattdessen können Sie den Fahrauftrag in Sekundenschnelle in unser System eingeben oder per Schnittstelle übertragen – und sich anschließend auf die eigentliche Versorgung Ihrer Patienten konzentrieren. smart move übernimmt den Rest: Aufträge werden fair, transparent und effizient an unsere angeschlossenen Taxi- und Mietwagenunternehmer vergeben.“
Wie das funktionieren soll, wird ebenfalls im Flyer erläutert: „Eine webbasierte Oberfläche ermöglicht eine einfache Bedienung direkt im Browser, so ist keine Installation nötig. Schnittstellen sind vorgedacht und sorgen für eine noch schnellere Datenübertragung direkt aus Ihren Systemen. Die Software ist dazu flexibel und anpassbar und Änderungen sind dank der Nähe des GVN zu der Softwareschmiede MPC-Software jederzeit möglich. Angeboten werden zudem regelmäßige Statistiken sowie der Überblick über die Fahrten, Aufträge und Nutzung. Auch Reklamationen sind bei Unregelmäßigkeiten oder Fehlfahrten möglich. Angeboten wird eine Auswahl der Fahrzeugart und des gewünschten Zeitfensters und eine Auftragsübersicht, auf der der Status aller Fahraufträge jederzeit einsehbar ist. Natürlich ist das Ganze auch DSGVO-konform, denn es werden nur notwendige Daten für die Beförderung abgefragt – die Gesundheitsdaten bleiben dabei geschützt.“
Smart move kommt im Bundesland Niedersachsen zum Einsatz. Die Teilnahme ist exklusiv den GVN-Mitgliedsbetrieben vorbehalten, wobei es selbstverständlich jedem Unternehmen freisteht, Mitglied im Verband zu werden und damit Zugang zur Plattform zu erhalten. Mit einem Organisationsgrad von 85 bis 90 Prozent im niedersächsischen Taxi- und Mietwagengewerbe verspricht der GVN den Nutzern der Plattform eine hohe Zuverlässigkeit und flächendeckende Verfügbarkeit.
Für die Taxler selbst bedarf es zunächst nur einer Internetanbindung, die entweder in einer Zentrale oder direkt auf einem Smartphone im Auto aufläuft. Über mögliche Schnittstellen lässt sich die von MPC programmierte Software auch in andere Vermittlungssysteme integrieren. Die Auftragsvergabe verläuft neutral an alle angemeldeten Teilnehmer, die dafür eine geringe Gebühr an den GVN entrichten müssen. Nach dem Zufallsprinzip sind alle mal dran und bekommen den jeweils passenden Auftrag in ihrer Region angeboten. Sie bekommen dann eine kurze Reaktionszeit zugebilligt, in der sie entscheiden müssen, ob sie den Auftrag annehmen können und wollen oder ob sie ihn wieder für das nächste Unternehmen freigeben.
Zunächst soll das Angebot noch in einem begrenzten örtlichen Rahmen ausgerollt, dann aber zeitnah landesweit offeriert werden, wo immer man Gesundheitseinrichtungen vor Ort als Teilnehmer gewinnen kann. Der GVN wird seine Mitglieder dazu natürlich informieren, damit jedes Unternehmen teilnehmen kann. Der GVN schreibt dazu: „Lassen Sie uns diese Plattform gemeinsam groß machen, damit am Ende nicht Wirtschaftsunternehmen bestimmen, zu welchen Preisen sie Ihre Krankenfahrten einkaufen werden, sondern wir als regionale, verantwortungsvolle Partner im Gesundheitswesen.“
Schon lange wünschen sich Krankenhäuser und Rettungsdienste eine Option, das im Systemvergleich niedrigschwellige Angebot von Taxi und Mietwagen in ihre Fahrgastbeförderungsketten mit einzubinden, um so alle Fahrwünsche der Patienten anspruchsgerecht erfüllen zu können, ohne im Zweifel ein überdimensioniertes Angebot machen zu müssen. Ohne lange telefonieren müssen, sollen dafür vor allem Kliniken ihre Fahrwünsche detailliert anmelden können, damit stets das richtig ausgestattete Taxi für den richtigen Patienten bei der Klinik vorfährt.
Die möglicherweise erwünschten Qualifikationen sind dabei bekanntlich vielfältig: Rollstuhlmitnahme oder Fahrgastbeförderung im Rollstuhl sitzend, hohes Auto oder niedriger Einstieg, Fernfahrtbereitschaft und vieles mehr differenzieren das Angebot der örtlichen Taxis. Vor allem aber muss eine zuverlässige Abholung zum Wunschfahrtermin ermöglicht werden, ohne dass das Pflegepersonal sich dafür erstmal eine halbe Stunde ans Telefon hängen muss. Kein Fahrgastbeförderer verfügt wohl über so viele Fahrzeuge wie das Taxi, allerdings ist es vielerorts trotzdem schwer, eines zu bekommen.
Der GVN und seine Mitglieder hatten sich schon seit einigen Jahren bemüht – zunächst noch in Kooperation mit verschiedenen Feuerwehrleitstellen – diese Lücke zu schließen. Nachdem alle Beteiligten ihre Wünsche und Zwänge analysiert hatten, mussten die Niedersächsischen Taxler feststellen, dass sie zwar tolle Ideen am Start hatten und auch Lösungen für alle entstehenden Fragen, es aber trotzdem nicht gelang, alle Player gleichzeitig zu aktivieren. Zunächst gab es organisatorische Fragen, dann Probleme bei den Krankenkassen und zu guter Letzt auch noch bei den zunächst hoch motivierten Feuerwehrleitstellen.
Um die Idee trotzdem realisieren zu können, gab letztlich der GVN selbst die nötige Software in Auftrag und übernimmt nun die Schirmherrschaft für „smart move“, wie das Angebot inzwischen getauft wurde. Vielleicht hat hier ja endlich ein zartes neues Pflänzchen das Licht der Welt erblickt, welches der Branche in diesen schweren Zeiten Hoffnung und Zuversicht geben kann, dass mit den Krankenfahrten nicht auch noch die letzte Homebase des Gewerbes in fremde Hände fällt. rw
Beitragsfoto: Remmer Witte








