Wenn sich Vereine für mobilitätseingeschränkte Mitmenschen einsetzen, dann steckt meist eine gute Absicht dahinter. Bei dem Verein „Wir in Neuried“ ist das sicher nicht anders, aber dennoch geht dessen Einschätzung der Situation mit der Realität auseinander.
„Wir wollen nicht die Konkurrenz von Taxiunternehmen werden“, wird Andreas Porsch vom Verein „Wir in Neuried“ im Münchner Merkur zitiert. Sein Verein für Menschen startet jetzt einen Fahrdienst für alle Senioren im gesamten Würmtal. Er bedient damit die Gemeinden Gräfelfing, Planegg, Neuried, Krailing und Gauting.
Der Fahrdienst will seine Dienstleistung umsonst anbieten und das nicht nur für Senioren, sondern auch für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Finanzielle Unterstützung kommt dabei von der „Charlotte und Hermann Schober-Stiftung“.
Als Fahrer hat der Verein derzeit bereits zehn Fahrer akquiriert, welche die Fahrten ehrenamtlich mit ihren Privat-Pkw durchführen werden. Für die Disposition und Koordination stellt der Verein zwei Damen in Lohn und Brot. Für die Fahrten selbst sorgt der Verein für eine ausreichende Versicherung.
„Wir in Neuried“ geht von einem künftig großen Andrang aus, weshalb man weiterhin auf Fahrersuche ist. Um sich vom Taxigewerbe abzugrenzen hat man seine ganz eigene Logik entwickelt. Typische Fahrten seines Vereins seien kurz. Das seien „nicht die Fahrten, die ein Taxiunternehmen interessieren. Wir wollen nicht die Konkurrenz von Taxiunternehmen werden“, wird Porsch im Merkur zitiert.
Wie der Gautinger Einzelunternehmer Ralf Büscher gegenüber Taxi Times betont, liegt darin eine fatale Feheinschätzung, denn: „Der Fahrdienst übernimmt genau die Leistungen, die auch Taxiunternehmen anbieten: Fahrten zum Arzt, zur Physiotherapie, zum Einkaufen und andere kurze Alltagsfahrten. Der Dienst wird über fünf Gemeinden hinweg organisiert, öffentlich beworben, durch zwei bezahlte Koordinatorinnen disponiert und teilweise durch eine Stiftung finanziert. Für die Fahrgäste ist das Ergebnis eine kostenlose Alternative zur Taxifahrt.“
Zu kurze Strecken, so betont Büscher, der übrigens mit seinem Fahrzeug – anders als der kostenlose Fahrdienst – auch Menschen im Rollstuhl befördern kann, gäbe es für das Taxi gar nicht. Wieso man dieser Auffassung sei, kann Büscher nicht nachvollziehen.
Grundsätzlich sieht Büscher das Anliegen des Vereins, Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglich, als durchaus richtig und wichtig an. Für das Taxigewerbe bedeute das Angebot allerdings durchaus eine große Konkurrenz. Ein ehrenamtlicher Dienst kann, weil man sich die Lohnkosten spart und von einer Stiftung gefördert wird, natürlich kostengünstiger handeln, was selbstverständlich einen Einfluss auf den Markt und das Taxi haben wird.
Man dürfe auch nicht vergessen, dass die vielen Kurzfahrten es den Taxibetrieben überhaupt erst ermöglichen, sich vor Ort bereitzustellen und zu einem festen Tarif seinen Fahrservice anzubieten. Dieser gilt immer, ob an einem normalen Werktag oder an einem Feiertag. Fehlen diese Fahrten, dann fehlt auch die wirtschaftliche Grundlage für die Taxibetrieb, um sich vor Ort anzusiedeln.
Büscher regt an, über eine Kooperation des Vereins mit dem Taxigewerbe nachzudenken, denn die Taxler als Beförderungsprofis sind bereits vor Ort. Man muss keine Fahrer mit geeignetem Fahrzeugen suchen und der Service ist auch kurzfristig verfügbar. Anders als bei dem kostenlosen Fahrdienst, wo man seine Fahrt drei Tage vorab anmelden muss, setzt Büscher auf spontan bestellbare Inklusion, was auch kurzfristige Fahrten einschließt: “ Ich fahre explizit ein inklusives Taxi. Mein Taxi ist für alle da!” Der Taxiunternehmer will nun jedenfalls unter Vermittlung des Seniorenbeirats Gauting mit dem Verein sprechen und mit dem Bürgermeister und dessen Hilfe sowie mit dem Landrat erkunden, wie weit man sich für ein elektronisches Gutscheinsystem erwärmen könnte. sg
Anmerkung der Redaktion: Vielleicht kommt der Verein ‘Wir in Neuried’ ein wenig ins Grübeln, wenn er diese Zeilen liest. Zumindest sollten die Verantwortlichen wie auch die Geldgeber schnell einsehen, dass Taxis sehr wohl Kurzfahrten machen und auch rechtlich aufgrund der Beförderungspflicht dazu verpflichtet sind. Anstatt also dem Taxigewerbe etwas zu unterstellen, was nicht den Tatsachen entspricht, könnte man stattdessen über eine Kooperation mit dem Taxigewerbe nachdenken. Wenn die Stiftung ihre finanziellen Mittel beispielswiese in Taxigutscheine investieren würde, dann gäbe es auf allen Seiten nur Gewinner. Die Senioren könnten jederzeit die Beförderung mit einem Taxi in Anspruch nehmen, Menschen mit Rollstühlen würden nicht durchs Raster fallen und man könnte als ein gutes Beispiel für gelebte Inklusion gelten.
Beitragsfoto: Ralf Büscher und ein ‘London-Taxi’ Foto: Taxi Service Gauting







