Taxikunden in Gütersloh und Verl haben seit dieser Woche ein großes Mobilitätsproblem: Ihr Taxiunternehmen steht nicht mehr zur Verfügung, es musste wegen Insolvenz sämtliche Fahrten einstellen. Ein ausführlicher Beitrag der örtlichen Tageszeitung macht die vielfältigen Probleme deutlich, vor denen Taxibetriebe in Deutschland derzeit stehen.
In den westfälischen Städten Gütersloh und Verl gibt es eine „Vereinte Taxizentrale Gütersloh und Verl“. Seit dieser Woche muss man schreiben: Es „gab“ eine Taxizentrale, denn der Betrieb befand sich seit einigen Monaten in der Insolvenzverwaltung und wurde gestern, am 1. September, komplett eingestellt, bzw. abgewickelt, wie es formaljuristisch heißt.
Über die Konsequenzen berichtete nun die „Neue Westfälische“ (NW), die Tageszeitung der Region. Sie schreibt, dass die Fahrerinnen und Fahrer erst am vergangenen Freitag darüber informiert worden seien, dass sie zum gestrigen Monatsersten freigestellt seien. Die Headline des Beitrags „Mehrere Fahrer haben geweint“ verrät, wie emotional diese plötzliche Arbeitslosigkeit von vielen aufgenommen wurde.
Doch wie konnte es dazu überhaupt kommen und welche Folgen hat das für die Fahrer und vor allem für die Kunden, von denen viele aufgrund von Krankheiten auf die Mobilität angewiesen sind?
- Der Arbeitsplatzverlust der Taxifahrerrinnen und Taxifahrer: Zu diesem Thema lässt die NW andere, noch existierende regionale Taxiunternehmer zu Wort kommen. Mehrere von ihnen berichten, dass sich seit dem Wochenende Fahrerinnen und Fahrer bei ihnen bewerben. Was in dem Zeitungsartikel nicht steht: Ob die nun arbeitslosen Fahrer tatsächlich dort eingestellt werden können. Es ist zu vermuten, dass dies schwierig werden dürfte. Die hier zitierten Taxibetriebe sind erfolgreich geführte Unternehmen, unter anderem deshalb, weil sie ihre vorhandenen Taxis und Mietwagen gut ausgelastet haben. Der Bedarf nach so vielen neuen Fahrpersonal ist also gar nicht vorhanden. Dazu kommt die Rechtsprechung: Jedes Taxi und jeder Mietwagen muss konzessioniert sein, sprich von der Kommune genehmigt. Einfach mal eben ein Fahrzeug zu kaufen und damit den nun erhöhten Bedarf mit Hilfe der ehemaligen Fahrer der bisherigen Taxizentrale aufzufangen, ist rechtlich gar nicht möglich.
- Die mobile Daseinsvorsorge: Die „Vereinte Taxizentrale Gütersloh und Verl“ war laut NW der jeweils größte Taxibetrieb in den beiden Städten. „Laut Kreisverwaltung fallen in Gütersloh neun von 29 Taxi-Konzessionen weg, in Verl acht von elf“, schreibt die NW. Wie die beiden Städte, die für die mobile Daseinsvorsorge ihrer Bürger verantwortlich sind, das nun auffangen wollen, hat die Zeitung nicht abgefragt.
Stattdessen werden die aktuellen Konsequenzen detailliert beschrieben. „Alle haben Angst, dass sie nicht mehr zu ihren Terminen kommen“, berichtet eine ortsansässige Taxiunternehmerin der Zeitung, bei der seit einigen Tagen das Telefon nicht mehr stillstehe. Auch die Inhaber anderer Betriebe kommen zu Wort. Sie sind aber hauptsächlich im Umland tätig, die Bedienung des klassischen Gelegenheitsbedarfs einer Stadt zählte bisher nicht zu ihrem Schwerpunkt. Trotzdem betonen auch diese Unternehmen gegenüber der NW, dass sie die entstandenen Versorgungslücken bestmöglich auffangen wollen. - Das Projekt ÖPNV-Taxi: Mit der Insolvenz der Taxizentrale fällt nun auch einer der beiden Partner des in Harsewinkel und Verl eingeführten Pilotprojekts „Flex-Taxi“ weg. Es läuft seit zwei Jahren sehr erfolgreich und sorgt für eine bedarfsorientierte mobile Versorgung der Bürger: Immer, wenn der bestehende Linienbusverkehr nicht verfügbar ist, kommt ein Taxi auf Bestellung (Taxi Times berichtete). Es wäre für die Mobilität von Harsewinkel und Verl ein großer Rückschritt, würde man das Flex-Taxi nun einstellen müssen, weil einer der beiden Partner insolvent ist. Deshalb setzt das andere Partnerunternehmen, Taxi Brandes und Pumpe aus Harsewinkel, derzeit alles daran, das Projekt auch in Verl zu bedienen: „Wir haben die technischen Voraussetzungen, die Kunden buchen uns über eine App“, wird der Unternehmer Ingo Riedel in der NW zitiert.

Markus Pumpe (links) und Ingo Riedel aus Harsewinkel übernehmen die Verler Flex-Taxifahrten und so gut es geht auch die lebensrettenden Krankenfahrten. Foto: Taxi Times - Die Ursachenforschung: Der Artikel der NW beleuchtet auch die Hintergründe der Insolvenz. Demnach gehörte das Unternehmen einer Person aus Ostfriesland, die neben Taxibetrieben im ostfriesischen Aurich und in Hamburg eben auch den Taxibetrieb im 185 Kilometer (knapp drei Autostunden) entfernten Gütersloh / Verl betrieben hat. „Offenbar war ihm die Entfernung von Esens nach Gütersloh zu groß“, mutmaßt die „Neue Westfälische“ und berichtet von Erzählungen der Mitarbeiter, dass diese den neuen Chef schon ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hätten. Sie lässt aber auch den Unternehmer zu Wort kommen, der diesen Vorwurf dementiert und darauf verweist, dass seine Söhne regelmäßig vor Ort gewesen seien.
Die Insolvenz habe der Inhaber Anfang Juni beim Amtsgericht Aurich angemeldet, woraufhin die Kanzlei Pluta in Bremen mit der Verwaltung beauftragt worden sei. Diese habe vergeblich versucht, einen Käufer für das Taxiunternehmen im Kreis Gütersloh zu finden. „Der Standort Gütersloh werde nun abgewickelt“, wird die Rechtsanwältin Natalia Leo in der NW zitiert.
Der bisherige Inhaber kritisiert die Kanzlei in der NW: Sie wäre nur darauf bedacht gewesen, „den Laden dicht zu machen“. Bei der Ursachenforschung greift der Unternehmer auch seine eigenen Gütersloher und Verler Angestellten und die örtliche Behörde an. „Die Mitarbeiter hätten gegen ihn gearbeitet, die Kunden sich beschwert und die Kreisverwaltung sei ihm auch nicht entgegengekommen“, ist in der NW nachzulesen.
Der Unternehmer verweist auf seine über 35-jährige Tätigkeit in Ostfriesland, wo er manche behördliche Angelegenheit auch mal „auf dem kleinen Dienstweg“ hätte erledigen können.Das Fazit: Die Geschichte aus Gütersloh / Verl zeigt wieder einmal sehr deutlich, warum solche Insolvenzen derzeit im Taxigewerbe keine Ausnahmen sind. Einen Taxibetrieb aus drei Autostunden Entfernung mal eben so mitzubedienen, funktioniert höchstens dann, wenn vor Ort ein verlässlicher Betriebsleiter installiert ist. Genau darauf sollte auch jede Genehmigungsbehörde achten.
Dazu kommt die angespannte Kostenstruktur der Branche. Die Taxiverbände warnen gebetsmühlenartig vor der Kostenexplosion und fordern völlig zurecht, dass die Politik hier gegensteuert.
Im Beitrag der NW kommt auch Jörg Füchtenschnieder zu Wort, der Vorsitzende des in Dortmund ansässigen Verbands Er bestätigt, dass die Zeiten für Taxiunternehmen schwierig seien und nennt als ein Beispiel dafür die „exorbitant gestiegenen“ Kraftstoffpreise. Solche Kostensprünge lassen sich nur schwer ausgleichen, weil es immer sehr lange dauere, bis beispielsweise die Vergütung für die Krankenfahrten durch die Krankenkassen angepasst würden.
Jörg Füchtenschnieder; Foto: Taxi Times Mit letzteren spricht Füchtenschnieder auch etwas an, was ansonsten bei der Ursachenforschung dieser Insolvenz leider zu kurz kommt: Die Rolle der Krankenkassen. Deren zunehmende Tendenz, Krankenfahrten weit unter dem wirtschaftlich notwendigen Vergütungen zu bezahlen, sind mittlerweile echte Insolvenztreiber. Mit der Konsequenz, dass die mit Preisdumping eingesparten Kosten für die Krankenkassen wie ein Bumerang zurückkommen: Denn wenn nun in Gütersloh und Verl die Patienten keinen Taxibetrieb mehr finden, der sie zur lebensrettenden Dialyse oder Bestrahlung fährt, sind Krankenkassen verpflichtet, diese Fahrten notfalls mit einem KTW oder gar RTW zu organisieren. Und dann ist jede scheinbare Ersparnis nicht nur aufgefressen, sondern ist sogar zu einem doppelten bis dreifachen Kostenfaktor gewuchert. jh
Beitragsfoto: KI-generiert








