Bernd Liniger musste lange für die Durchsetzung seiner genialen Erfindung kämpfen und Klinken putzen. Ein Grund: Sie ist so besonders, dass es kaum Kategorien gibt, in denen sein „Coool Seat“ ein Gütesiegel bekommen oder zum besten Produkt gewählt werden kann. Diese Woche ist er damit auf der Messe Bus2Bus in Berlin.
Früher entschied die Unterschrift von Bernd Liniger darüber, ob ein Flugzeug nach erfolgter technischer Wartung oder Reparatur wieder abheben darf oder noch nicht. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass er sich Jahrzehnte später mit seiner Erfindung einer Sitzauflage, mit der Hunderttausende von Menschen vom Problem des Schwitzens beim stundenlangen Sitzen befreit werden können, durch so viele Institutionen und rechtliche Hürden würde durchkämpfen müssen. Doch als Techniker mit einer so komplexen Tätigkeit war er es gewohnt, strukturiert und strategisch bis zum Erreichen des Ziels vorzugehen.
Eine weitere Erfahrung gereicht Liniger zum Vorteil, obwohl sie eigentlich höchst frustrierend war: Seine hoch angesehene Firma, die DDR-Fluggesellschaft Interflug, technisch auf dem Niveau westlicher Konkurrenten, aber wirtschaftlich defizitär, wurde nach der Deutschen Wiedervereinigung liquidiert. Nur 1.000 der 8.000 Mitarbeiter wurden von der Lufthansa übernommen. Liniger hatte das Pech, zur Mehrheit und damit zu den Einheitsverlierern zu zählen.
Wie Tausende von Ostdeutschen nahm Liniger eine Tätigkeit an, für die er weit überqualifiziert war, bei der man ihn aber wegen des Personalbedarfs mit Kusshand nahm: Er wurde Fahrer beim regionalen Linienbusbetrieb. Für einen Flugzeugmechaniker, Fachgebiet Triebwerk/Zelle, ist das nicht gerade erfüllend, und Liniger sah die Fahrzeuge und den Fahrbetrieb mehr mit den Augen des Technikers als des Fahrers. Ein Problem mit technischem Lösungspotential bestand im Schwitzen bei den hohen Temperaturen im Sommer in den unklimatisierten Fahrzeugen So erfand er eine Sitzauflage, die das Gesäß von unten belüftet.
Über den mühsamen Weg bis zur Serienreife von Linigers „Coool Seat“ berichtete Taxi Times 2022 und 2024, nachdem das Taxigewerbe auf der Europäischen Taximesse auf Linigers Produkte aufmerksam geworden war. Eine Fernsehreportage des mdr, in der seine Erfindung ab Minute 2:34 vorgestellt wird, ist noch immer online. Sie veranschaulicht die gute Verarbeitung und die Robustheit der Sitzauflage, die aus ineinandergedrehten Edelstahlfedern besteht.
Heute werden Linigers Sitzauflagen für Bus-, Lkw- und Autositze sowie für Bürostühle und in verschiedenen Größen und Ausfertigungen vertrieben. Viele Taxi- und Mietwagenfahrer, die im Sommer Tagschichten fahren, wissen so ein langlebiges Stück zu schätzen.
Die Internetseite von Bernd Liniger enthält keine aufpolierten Hochglanzfotos oder Texte, die nach Werbeagentur klingen, stattdessen maximale Transparenz. Sitzauflagen sind überhaupt schwierig mit Bildern zu bewerben, und die Texte auf Linigers Seite bestehen aus nüchternen Fakten zu seiner Biografie, seinen Produkten und wie sie verwendet werden. Es stehen ausführliche Bedienungsanleitungen zur Verfügung, in denen unter anderem haarfein erklärt wird, wie die Auflage auf welcher Sitzart festzuspannen ist, damit man optimal sitzt.
Auf einer weiteren Unterseite sind Nachweise dokumentiert, unter anderem vom TÜV, einem Orthopäden, dem europäischen Patentamt und sogar von einem Crashtest-Institut. Sie alle bescheinigen der Sitzauflage beste Eigenschaften und eine hohe Eignung. Auch eine längere Liste der „häufigen Fragen“ findet sich auf einer eigenen Unterseite. Sie werden umfassend und zugleich prägnant beantwortet.
Am kommenden Mittwoch und Donnerstag ist für Liniger wieder Marketing angesagt. Er wird auf dem Berliner Messeglände bei der zweitägigen Fachmesse Bus2Bus seine Produkte erneut an seinem eigenen Stand präsentieren. Dass es bei seiner Sitzauflage um ein angenehmes Gefühl am Allerwertesten und benachbarten empfindlichen Körperteilen geht, brachte immer ein wenig das Problem der angemessenen Formulierung mit sich. Auf der Internetseite der Bus2Bus wird ein selbstbewusster Erfinder präsentiert, der auf das Reden um den heißen Brei offenbar keine Lust mehr hatte: „Endlich kein nasser Arsch mehr“ lautet dort das unmissverständliche Verkaufsargument. ar
Beitragsfoto: Bus2Bus





