Flexible Fahrpreise und Festpreise sorgen in Hamburg für mehr Taxifahrten und höhere Umsätze. Das zeigt eine Untersuchung von rund 5,5 Millionen Fahrten. Die Studie offenbart auch deutliche Unterschiede zwischen Einwagen- und Mehrwagenbetrieben.
Hamburg erprobt seit Februar 2025 neue Tarife für vermittelte Taxifahrten. Zunächst wurden verbindliche Festpreise eingeführt, die Fahrgästen bereits vor Fahrtantritt bekannt sind. Ab Oktober 2025 durften die Vermittler Preise anbieten, die bis zu 20 Prozent über dem Festpreis lagen. Zwischen Februar und Juni 2026 waren zusätzlich Abschläge von bis zu 20 Prozent erlaubt.
Welche Auswirkungen diese Flexibilisierung hat, untersuchten Professor Andreas Knie, Anke Schmidt und Michael Hoffmann, für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Die Trägerschaft des WZB teilen sich mit 75 Prozent die Bundesrepublik Deutschland und 25 Prozent das Land Berlin. Grundlage der Untersuchung sind 5,51 Millionen gemeldete Taxifahrten aus 866 Kalendertagen zwischen Februar 2024 und Juni 2026. Bei der Auswertung wurden unter anderem Wetter, Jahreszeiten, Feiertage und Großveranstaltungen berücksichtigt.

Das wichtigste Ergebnis: Unter dem beidseitigen Tarifkorridor steigt der statistisch bereinigte Nettoumsatz je Fahrzeug und Tag gegenüber dem Festpreis ohne Korridor um 14,2 Prozent. Das entspricht durchschnittlich 43,19 Euro zusätzlich. Beim einseitigen Korridor beträgt der Zuwachs 10,6 Prozent. Der Mehrumsatz entsteht vor allem durch zusätzliche Fahrten. Unter dem beidseitigen Korridor steigt deren Zahl je Fahrzeug und Tag um rund 17 Prozent gegenüber dem Festpreismodell.
Gleichzeitig werden appvermittelte Fahrten günstiger angeboten. Sie bringen den Betrieben durchschnittlich 2,89 Euro Nettoumsatz je Kilometer, während gleichzeitig nach Taxameter abgerechnete Fahrten 3,25 Euro erzielen. Das entspricht einem Unterschied von knapp elf Prozent.
Auch die Fahrzeugauslastung verbessert sich. Der Anteil der mit Fahrgästen zurückgelegten Kilometer steigt um gut drei Prozentpunkte. Bei einer täglichen Fahrleistung von rund 225 Kilometern entspricht dies etwa acht Kilometern, die nicht mehr leer gefahren werden. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler entstehen rund zwei Drittel der zusätzlich vermittelten Fahrten durch neue Nachfrage. Etwa ein Drittel geht auf Verlagerungen aus dem klassischen Taxigeschäft zurück.
Die positiven Ergebnisse verteilen sich nicht gleichmäßig auf das Hamburger Taxigewerbe. Während Mehrwagenbetriebe unter dem beidseitigen Korridor einen statistisch bereinigten Umsatzanstieg von 15,7 Prozent gegenüber dem Festpreis erzielen, lässt sich für Einwagenunternehmen kein gesicherter positiver Effekt feststellen.
Ein Grund ist die unterschiedliche Nutzung der Vermittlungsplattformen. Bei einer gesonderten Auswertung von 606 Fahrzeugen zeigte sich, dass 33 von 136 Taxis von Einwagenunternehmern während beider Erprobungsphasen keine einzige Plattformfahrt erhielten. Das entspricht 24,3 Prozent. Unter den untersuchten Taxis aus Mehrwagenbetrieben gab es dagegen kein Fahrzeug ohne vermittelte Fahrten.

Für Unternehmen, die überwiegend am Halteplatz warten oder ihre Aufträge direkt erhalten, bleibt der Nutzen flexibler Plattformpreise somit begrenzt. “Dem WZB lagen keine Daten darüber vor, ob die Fahrten über eine Vermittlungsplattform oder eine klassische Taizentrale in Fahrzeug gekommen sind,“ so Professor Andreas Knie im Gespräch mit Taxi Times.
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die Arbeitszeit. Zwar steigt der bereinigte Tagesumsatz unter dem beidseitigen Korridor um 14,2 Prozent, der Umsatz je Arbeitsstunde erhöht sich jedoch nur um 6,2 Prozent. Die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit je Fahrzeug wächst von 10,75 auf 11,36 Stunden. Ein Teil des Umsatzanstiegs beruht damit auf längeren Einsatzzeiten.
Hinzu kommt: Die ausgewiesenen Nettoumsätze enthalten noch keine Abzüge für Vermittlungsprovisionen, Personal, Energie oder Fahrzeugkosten. Ob die Betriebe tatsächlich höhere Gewinne erzielen, lässt sich aus der Untersuchung deshalb nicht unmittelbar ableiten.
Auf das gesamte Hamburger Taxigewerbe hochgerechnet, könnte der beidseitige Tarifkorridor jährlich rund 32,5 Millionen Euro zusätzlichen Nettoumsatz bringen. Diese Berechnung setzt allerdings voraus, dass der ermittelte Effekt die gesamte Flotte erreicht. Werden ausschließlich Mehrwagenbetriebe berücksichtigt, reduziert sich das Potenzial auf rund 21,5 Millionen Euro. Diese vorsichtigere Variante ist relevant, weil von den durchschnittlich 2.888 betriebenen Hamburger Taxen im Jahr 2025 insgesamt 1.507 zu Einwagenunternehmen gehörten.
Die Wissenschaftler weisen außerdem auf einen möglichen Einfluss der schrumpfenden Taxiflotte hin. Während des Untersuchungszeitraums ging, wegens eines Konzessionsstopps, die Zahl der aktiven Fahrzeuge zurück. Dadurch könnte sich vorhandene Nachfrage auf weniger Taxen verteilt haben. Auch bei zusätzlicher Berücksichtigung der Flottenentwicklung bleibt der positive Korridoreffekt bestehen, fällt aber geringer aus.

Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks bewertet den Modellversuch positiv: „Hamburg setzt im Taxengewerbe erneut Maßstäbe: Zum ersten Mal wurde mit verlässlichen Daten und in einem klar geregelten Praxistest untersucht, wie flexible Taxipreise Nachfrage und Umsätze beeinflussen. Gemeinsam mit dem Statistikamt Nord, dem Wissenschaftszentrum Berlin sowie FreeNow by Lyft, Uber und Bolt wurden dafür Millionen realer Fahrtdaten ausgewertet. Auf dieser Grundlage können Taxipreise flexibler und nachvollziehbar zum Vorteil von Fahrgästen und Taxenunternehmen geregelt werden. Dies werden wir jetzt mit dem Gewerbe diskutieren.“
Die Untersuchung wurde nach Angaben der Autoren von den beteiligten Vermittlungsplattformen initiiert. Auf Methodik, Datenauswertung und Ergebnisdarstellung hätten diese jedoch keinen Einfluss genommen. Die Hamburger Ergebnisse zeigen, dass flexible Taxipreise zusätzliche Nachfrage erzeugen und die Fahrzeugauslastung verbessern können. Vor allem die Möglichkeit, Fahrten günstiger anzubieten, wird von den Plattformen genutzt.
Gleichzeitig profitieren größere Betriebe deutlich stärker als Einzelunternehmer. Zudem fällt der Umsatzzuwachs je Arbeitsstunde wesentlich geringer aus als der Tagesumsatzanstieg. Für die weitere Tarifdiskussion wird deshalb entscheidend sein, ob flexible Preise nicht nur zusätzliche Fahrten ermöglichen, sondern auch die wirtschaftliche Situation möglichst vieler Taxiunternehmen nachhaltig verbessern.

Für Dirk Ritter, Referatsleiter in der Hamburger Verkehrsbehörde sprechen die Zahlen einen deutliche Sprache: „Das Taxi kann noch viel mehr, wenn es sich weiter digitalisiert und flexible Tarife nutzt.“ Während der Veröffentlichung dieser Meldung sitzen die Beteiligten in Hamburg bereits am Tisch: Für den heutigen Mittwoch, 21. Oktober 2026, hat die Behörde für Verkehr und Mobilitätswende zu einer Erörterung zukünftiger Tarifmodelle ab Februar 2027 eingeladen. Dabei stellt Prof. Dr. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin persönlich die Ergebnisse der Untersuchung vor.
Auf der Tagesordnung stehen außerdem eine mögliche dauerhafte Festpreisregelung für bestellte Taxifahrten, ein neuer Pauschalpreis für Fahrten vom Flughafen in die Innenstadt sowie eine mögliche Anpassung des Grund- und Taxametertarifs. Auch die zukünftige Ausgestaltung der Tarifkorridore soll unter Berücksichtigung der Studienergebnisse diskutiert werden.
Damit könnten bereits heute wichtige Weichen für die Hamburger Taxitarife ab Februar 2027 gestellt werden. sg
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