Die Diskussion über die eingeschlagene Route und den damit vermeintlich zu hohen Fahrpreis gehört in unserem Gewerbe zum täglichen Geschäft. Oft reicht ein klärendes Gespräch, um Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Manchmal erfordert die Lage auch, Zugeständnisse zu machen, um eine Eskalation zu verhindern. In einigen Fällen gerät leider trotzdem alles vollkommen außer Kontrolle. Das mussten wir kürzlich im eigenen Betrieb erfahren.
Sind die Fahrgäste angetrunken, erschwert das die Situation. Das wissen wir alle. Einige Mitmenschen verwechseln auch den Umfang der angebotenen Dienstleistung mit einem kurzfristigen Unterstellungsverhältnis und glauben, das Steuer – zumindestens verbal – selbst in die Hand nehmen zu können. Im beschriebenen Fall hat ein Fahrgast diese Vorstellung gewaltsam in die Tat umgesetzt. Die Folgen sind mehrere Verletzte und ein hoher Sachschaden.
Das war unserem Fahrer passiert:
Es ist die Nacht vom 2. auf den 3. Februar 2025. Kurz vor Mitternacht wird unser Fahrer mit seinem Großraumtaxi zu einem Restaurant gerufen. Die Abholadresse liegt einige Kilometer außerhalb der Stadtgrenze. Es ist gerade mal die zweite Tour in seiner Schicht, die der Fahrer erst eine knappe Stunde vorher begonnen hatte. Die um 0 Uhr 14 beginnende Fahrt mit fünf Fahrgästen soll über einen Abstecher ins nahe gelegene Bad Zwischenahn zurück nach Oldenburg gehen.
Die fünf Fahrgäste, zwei Männer und drei Frauen, hatten ordentlich gefeiert und offenbar in nicht unerheblichem Maße Alkohol genossen. Das schreckt einen gestandenen Taxifahrer erst mal nicht ab, schließlich ist genau das sein Job, und jeder, der in der Nachtschicht fährt, sollte darauf vorbereitet sein. Nach dem Zwischenstopp, bei dem einer der Männer ausgestiegen war, setzt unser Fahrer die Fahrt fort. Im weiteren Verlauf ergibt sich eben jene oben geschilderte Diskussion. Auf die Frage, wo denn der nächste Halt sein soll, erwidert eine auf dem Beifahrersitz befindliche Frau: „Der Taxifahrer bescheißt!“.
Für den Fahrer völlig unerwartet wird er nun vom schräg hinter ihm sitzenden, letzten männlichen Fahrgast attackiert und an der Schulter herumgerissen. Es muss an dieser Stelle vielleicht erwähnt werden, dass es sich bei dem Angreifer um einen fast zwei Meter großen Mann von kräftiger Statur handelt. Der Fahrer stoppt das Taxi und fordert den Mann auf, wieder Platz zu nehmen. Dieser Aufforderung kommt der Mann nicht nach. Im folgenden Handgemenge versucht der Fahrer nun, sich dem gegenwärtigen Angriff durch Aussteigen aus dem Fahrzeug zu entziehen und die Situation so zu deeskalieren. Dabei gelingt es ihm sogar, das Fahrzeughandy und die Schlüssel an sich zu nehmen. Der aggressive Fahrgast hingegen hat kein Interesse mehr daran, den Konflikt mit dem Fahrer fortzusetzen. Bei dem mit Keyless-Go ausgestatteten Fahrzeug läuft immer noch der Motor. Der 59jährige Mann wechselt nun auf den Fahrersitz und nimmt das Steuer selbst in die Hand. Noch während die vom Taxifahrer alarmierte Polizei versucht, die Fahrtrichtung und den möglichen Standort des Taxis zu ermitteln, geht ein weiterer Notruf ein.
Um 0 Uhr 43, 17 Minuten nach dem Raub des Taxis, verursacht der Fahrer einen ersten Unfall. Dabei wird eine 31jährige Fahrzeugführerin verletzt. Unser Taxiräuber war nicht bereit, auf das Eintreffen der Polizei und eine ordnungsgemäße Unfallaufnahme zu warten oder sich der verletzten Unfallgegnerin anzunehmen. Er entschließt sich stattdessen, sich samt Taxi und den Damen vom Ort des Geschehens zu entfernen. Offensichtlich ist nun der Fluchtreflex aktiviert. Während er sich, wohl auch wegen der durch starken Nebel eingeschränkten Sicht, bislang mit moderatem Tempo bewegt hatte, beschleunigt er nun und rast weiter in Richtung Oldenburg. Neben dem Firmenhandy, welches zur Ortung und Disposition eingesetzt wird, das aber der Taxifahrer an sich genommen hatte, befindet sich noch ein zweites, mit GPS ausgestattetes Gerät im Taxi. Wie bei der Blackbox eines Passagierflugzeuges lassen sich nun die folgenden Minuten und die letzten Meter, die das Fahrzeug auf seinen eigenen Rädern zurücklegen sollte, rekonstruieren.
Um 00:47:30 Uhr schließlich sendet dieses Gerät ein letztes kümmerliches Signal und zeigt, wohl der Erdrotation geschuldet, als Geschwindigkeit 1 km/h pro Stunde an. Genau 50 Sekunden zuvor hatte das Taxi mit Tempo 77 km/h einen Kreisel erreicht, hatte noch einen kleinen Richtungswechsel nach rechts vollzogen, bevor es seinen Flug über das Hindernis begann, riss ein Verkehrszeichen aus der Verankerung, streifte nur knapp den Mast einer Straßenlaterne und war dann, nur wenige Meter neben einer Hauswand durch ein kleines Bäumchen und Strauchwerk gestoppt worden. Es grenzt an ein Wunder, dass die Insassen nur leicht verletzt werden und sich selbst aus dem Wrack unseres Toyota ProAce befreien können. Ein Autofahrer, der die Unfallstelle erreicht und nun dem vermeintlichen Taxifahrer und seinen Fahrgästen zu Hilfe eilt, bereut diesen Entschluss sofort wieder, weil er nun seinerseits von dem Täter angegriffen und ebenfalls leicht verletzt wird. Der kurz darauf eintreffenden Besatzung eines Streifenwagens gelingt es schließlich, den Mann und die ihn begleitenden drei Frauen im Alter von 37, 58 und 63 Jahren, in Gewahrsam zu nehmen. Natürlich nicht ohne selbst von dem Mann noch beleidigt und attackiert zu werden.
Ob die Frauen in diesem Fall freiwillig oder unter Protest an der Fahrt teilgenommen haben, müssen die Ermittlungen ergeben. Da keiner der Beteiligten jedoch Angaben machen wollte, wurde laut Pressemitteilung der Polizei von der Staatsanwaltschaft bei allen vier Fahrgästen die Entnahme einer Blutprobe angeordnet. Unterm Strich bleiben auf dem Konto des Täters der gefährliche Eingriff in den Straßenverkehr, Körperverletzung, schwerer Raub, Fahren unter Alkoholeinfluss, Sachbeschädigung, Unfallflucht, Beleidigung und Widerstand gegen Vollzugsbeamte.
Dabei hatten die ursprünglich fünf Partygäste doch eigentlich alles richtig gemacht und sich für den Heimweg für ein geeignetes und sehr sicheres Verkehrsmittel entschieden – das Taxi. Nur muss man eben auch den Fahrer seinen Job machen lassen. Unser Fahrer wurde, entgegen seiner ersten Einschätzung, doch leicht verletzt und begab sich zwei Tage nach dem Ereignis in medizinische Behandlung. Er ist zudem um eine völlig überflüssige und unnötige Erfahrung reicher. An dem Taxi entstand wirtschaftlicher Totalschaden. Die Haftpflichtversicherung des Unternehmers muss nun zunächst die entstandenen Kosten übernehmen, aber hier zeichnet sich ein Licht am sonst so düsteren Horizont dieser Geschichte ab. Bei dem 59-Jährigen handelt es sich um einen Geschäftsmann, der, so sagt man, über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, den von ihm angerichteten Sachschaden zu ersetzen. Umso verwunderlicher ist die ganze Geschichte, denn es hätte, trotz Alkoholgenusses, eine ganz normale Taxifahrt sein können. rw
Anmerkung der Redaktion: Den obenstehenden Erfahrungsbericht hat ein Fahrer aus dem geschädigten Taxi-Unternehmen verfasst.
Beitragsfoto: Das geraubte Taxi ist ein wirtschaftlicher Totalschaden; Foto: Heiko Beyer – Taxi Acht-Elf-Elf