Während der vietnamesische Fahrdienst Green SM mit VinFast-Fahrzeugen in Europa expandiert, bereitet der Autohersteller in seiner Heimat einen Versuch mit 200 Robotaxis vor. Könnte der Aufbau europäischer Taxiflotten zugleich den Weg für einen späteren fahrerlosen Betrieb ebnen?
Der Fahrzeugbauer VinFast plant, ab Ende 2027 insgesamt 200 autonome Taxis im Stadtentwicklungsgebiet Vinhomes Green Paradise in Cần Giờ, einem Teil von Ho-Chi-Minh-Stadt, zu testen. Wie vietnamesische Medien berichten, steht die Umsetzung noch unter dem Vorbehalt der behördlichen Genehmigung. Ein unmittelbar bevorstehender regulärer Betrieb ist damit noch nicht angekündigt.
Vorgesehen sind Fahrzeuge der Automatisierungsstufe 4. Sie sollen innerhalb festgelegter Betriebsbedingungen sämtliche Fahraufgaben selbst übernehmen, ohne dass ein Fahrer eingreifen muss. Auch bei Situationen, die das System überfordern, muss das Fahrzeug selbst einen sicheren Zustand herstellen können. Der Einsatz bleibt damit auf einen definierten Betriebsbereich beschränkt.
Die technische Grundlage entwickelt VinFast gemeinsam mit dem israelischen KI-Unternehmen Autobrains und dem amerikanischen Hardwarehersteller NVIDIA. Die im Juni vorgestellte Zusammenarbeit verbindet die Rechenplattform NVIDIA DRIVE Hyperion 10 mit der KI-Software von Autobrains. Spezialisierte KI-Agenten sollen je nach Fahraufgabe aktiviert werden. Das Entwicklungsprogramm richtet sich zunächst an die südostasiatischen Märkte und deren komplexe Verkehrsverhältnisse.
Für das europäische Taxigewerbe erhält die Nachricht durch eine parallel laufende Expansion besondere Bedeutung: Wie Taxi Times am 12. Oktober berichtete, hat Green SM am 25. September einen zunächst begrenzten E-Taxi-Service in Amsterdam vorgestellt. Nach Kopenhagen sind die Niederlande der zweite europäische Markt des Fahrdienstes. Auch Schweden wurde als nächstes Ziel genannt. Eingesetzt werden Elektrofahrzeuge von VinFast. Dabei sind Hersteller und Fahrdienst unterschiedliche Unternehmen, die zum selben vietnamesischen Unternehmensumfeld gehören.
In Amsterdam setzt Green SM zunächst ausdrücklich auf Fahrer. Das Unternehmen wirbt mit Vergütungsmodellen und Zusatzleistungen um sie und baut sein Fahrernetzwerk sowie die betrieblichen Abläufe auf. Dennoch stellt sich angesichts der Robotaxi-Entwicklung die Frage, ob diese europäische Präsenz langfristig auch als Ausgangspunkt für autonome Fahrdienste dienen könnte. Kundenkontakte, Flottenorganisation und Erfahrungen mit den örtlichen Märkten wären dafür zumindest eine nutzbare Grundlage.
Dass VinFast seine autonome Fahrtechnik perspektivisch über Vietnam hinaus einsetzen möchte, hat der Hersteller bereits selbst erklärt. In einer früheren Mitteilung zur Zusammenarbeit mit Autobrains kündigte er an, die Erprobung auf größere Städte und internationale Märkte ausweiten zu wollen. Europa wurde dabei allerdings nicht ausdrücklich als Robotaxi-Ziel benannt.
Ob Green SMs europäische E-Taxis tatsächlich Vorläufer eines solchen Angebots sind, bleibt somit offen. Aus den vorliegenden Ankündigungen lässt sich kein konkreter Plan für einen fahrerlosen Green-SM-Dienst in Europa ableiten. Die parallele Entwicklung ist für die Taxibranche dennoch ein Grund, genauer hinzuschauen: Während der Fahrdienst hier seine Marktpräsenz aufbaut, arbeitet sein Fahrzeuglieferant bereits an der Technik für Fahrten ohne Fahrer. jh
Siehe auch: Eine Sammlung von Taxi-Times-Artikeln zum Thema Autonomes Fahren
Beitragsbild: Green-SM-Taxi (hier in nicht fahrerloser Version) in Jakarta; Symbolfoto: SunDawn, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0







