Wer ist eigentlich die arme Sau bei den Krankenfahrten? Bislang waren das aus Gewerbesicht nur die Beförderungsdienstleister, aber es gibt eindeutig mehr Geschädigte.
In Nordrhein-Westfalen hat sich der Verband der Kranken- und Behindertenfahrdienste in NRW (VdKBF) nicht mehr damit abgefunden, weiterhin Fahrten für die Krankenkassen zu den knapp defizitär ausgelegten Pauschalen durchzuführen. Die aktuelle Situation wird sich mit dem Jahreswechsel erwartungsgemäß weiter verschlimmern, wenn das Beitragsstabilisierungsgesetz greift und die Grundlohnsteigerungsrate als Basis für künftige Anpassungen der Verträge dienen muss – obwohl zugleich der Mindestlohn einen ordentlichen Sprung nach oben macht.
Da die dringend notwendigen Gespräche mit den Kassen keinerlei Entgegenkommen erzeugt haben, hatten in Nordrhein-Westfalen viele dem Verband angeschlossenen Krankenfahrdienste ihre Fahrten eingestellt (Taxi Times berichtete).
Zunächst waren es die sogenannten Entlassfahrten, welche die Betriebe nicht mehr durchführten. Der Gedanke dahinter war, dass die Krankenhäuser sich Gehör bei den Krankenkassen verschaffen sollten, denn wenn die Patienten nicht von den Fahrdiensten abgeholt werden, blieb nur der Ausweg, dass sie mit den Fahrzeugen des qualifizierten Krankentransport befördert wurden – Fahrten, die ein Vielfaches dessen kosten, was ein Krankenfahrdienst berechnet.
Das, so die Idee, würden auch die Krankenkassen spüren. Die beteiligten Unternehmen sind natürlich davon ausgegangen, dass die drohenden hohen Kosten durchaus eine gewisse Gesprächsbereitschaft der Kassen mit sich bringen würden.
Doch weit gefehlt. Die an den Pranger gestellten Krankenkassen zeigen kein Verständnis für die Nöte der Taxibetriebe und Fahrdienste. Stattdessen warf ein Sprecher der AOK West den Unternehmern vor, ihre Forderungen auf dem Rücken der Versicherten auszutragen und einen Vertragsbruch zu begehen. Auch seitens des Verbands der Ersatzkassen e. V. (vdek) wird die Thematik völlig ignoriert. Auf Nachfrage der Taxi Times-Redaktion verweist die Pressestelle des vdek lediglich auf eine gemeinsame Darstellung der gesetzlichen Krankenkassen in NRW, die man gegenüber dem WDR kundgetan habe und der man nichts hinzuzufügen habe.
Fünf konkrete Fragestellungen der Taxi Times-Redaktion wurden nicht beantwortet. Weder zur Frage, ob es seitens des vdek bereits Erkenntnisse darüber gebe, wie viele Unternehmen ihre Krankenfahrten eingeschränkt oder eingestellt haben und wie viele Fahrten hiervon bislang betroffen sind noch auf die Frage, ob angesichts der aktuellen Situation neue Verhandlungen oder Anpassungen der Vergütungsvereinbarungen mit den Leistungserbringern geplant seien.
Gegenüber dem WDR hatten die Kassen versprochen, dass sie trotz der Einstellung der Fahrdienste den Patienten Beförderungsmöglichkeiten organsieren würden. Wie man diese Versorgung ohne die vielen Fahrdienste sicherstellen wolle, darüber schweigt sich der vdek aus. Die entsprechende Frage der Times-Times-Redaktion wurde ebenso ignoriert wie die Bitte um ein Statement, wie man als vdek die Aussage der Fahrdienste bewertet, dass insbesondere Rollstuhl-, Tragestuhl- und Liegendfahrten mit den derzeitigen Vergütungssätzen teilweise nicht mehr kostendeckend durchgeführt werden könnte.
Last but not least ignorierte der vdek auch die Frage, was Kliniken beziehungsweise Patienten konkret tun können, wenn nach einer Entlassung kein Beförderungsunternehmen bereitsteht.
Mit solch einem Wegducken haben die Krankenkassen eindrucksvoll dargestellt, wie egal ihnen dieser Protest war und ob ihnen dadurch Mehrkosten entstanden. Letztlich stellte sich auch heraus, dass der Protest durch Inaktivität auch den Krankenhäusern sehr zusetzte.
Es sind also nicht nur die Krankenfahrdienste, sondern auch die Krankenhäuser Teil eines perfiden System, welches einerseits dazu dienen kann, das System der Krankenkassen länger am Leben zu halten, aber auch aufzeigt, wie sehr die Krankenkassen die Krankenhäuser an der kurzen Leine halten.
Betrachtet man die Grundidee des Protests der Krankenfahrdienste in Nordrhein-Westfalen, dann war eine gewisse Logik nicht von der Hand zu weisen. Wenn keine Kranken mehr abgeholt werden, richten die Krankenhäuser ihre Forderungen an die Kassen. Problematisch ist dabei, dass Krankenhäuser pro Patient nur eine Fallpauschale bekommen und jeder weitere Tag im Krankenhaus dem Krankenhaus Geld kostet.

Aus diesem Grund kommt der VdKBf-Vize Adrian Blaschke auch zu einer bitteren Erkenntnis: „Letztlich sind nicht nur wir die Dummen, sondern auch die Krankenhäuser geraten durch die Vorgaben der Krankenkassen in Bedrängnis. Der eigentliche Leidtragende – und das wird häufig vergessen – ist aber der gesetzlich versicherte Patient, denn auf dessen Rücken wird der Preiskampf der Kassen letztlich ausgetragen.” sg
Beitragsfoto: Symbolbild: Wenn das Verhältnis zwishen den Parteien nicht in der Waage ist. Foto: Ki-generiert.








