Uber-Fahrer haben eine wegweisende Klage gegen den Fahrdienstvermittler eingereicht. Sie geben an, in ständiger Angst vor einem „seelenlosen“ Algorithmus zu leben, der zur Festlegung der Vergütung und zur Zuteilung von Aufträgen verwendet wird.
Der Unmut der Fahrer gegenüber den Plattformen wird immer größer und damit einhergehend auch die Bereitschaft, sich juristisch zu wehren – nicht nur national, sondern auch länderübergreifend auf europäischer Ebene. Uber-Fahrer aus Großbritannien, den Niederlanden und anderen Ländern haben sich zu einer Entschädigungsklage zusammengeschlossen, die sich auf Milliarden von Dollar belaufen könnte. Sie werfen dem KI-gestützten Vergütungssystem vor, gegen Datenschutzgesetze zu verstoßen und ihre Einkünfte zu schmälern.
Die Klage wurde beim Bezirksgericht Amsterdam eingereicht, wo der 150 Milliarden Dollar (129 Milliarden Euro) schwere Technologiekonzern aus San Francisco seinen europäischen Hauptsitz hat. Laut dem Europäischen Gewerkschaftsbund handelt es sich um die erste kollektive Klage dieser Art.
Die Klage wird von der Worker Info Exchange (WIE) geführt. Das ist eine Britische Kampagnengruppe, die bereits erste juristische Erfolge gegen Uber vorweisen kann: Deren Gründer James Farrar hatte bereits vor dem Obersten Gerichtshof Großbritanniens ein Urteil erwirkt, das Uber-Fahrern Arbeitnehmerrechte zuspricht. Farrar sagte: „Es ist schon schlimm genug, dass Ubers dynamische Vergütungsalgorithmen die Fahrerlöhne seit Jahren drücken. Doch die aufdringliche und hinterhältige Art und Weise, wie Uber seine Technologie nutzt, um das Verhalten der Fahrer zu überwachen und zu beeinflussen, ist ein Affront gegen ihre Würde als Arbeitnehmer und als Menschen.“
Der leitende niederländische Anwalt Anton Ekker, spezialisiert auf digitale Rechte, Datenschutz und künstliche Intelligenz, sagte: „Ein Computer-Algorithmus sollte nicht selbstständig Entscheidungen treffen, die Menschen ihrer Existenzgrundlage berauben. Wie so viele andere Online-Plattformen sollte er für die massenhafte Ausnutzung der Schwächen europäischer Bürger zur Rechenschaft gezogen werden.“
Die Klage betrifft rund 241.000 Fahrer in der EU und Großbritannien und wirft Uber vor, unrechtmäßig automatisierte Entscheidungsfindung, einschließlich Profiling, bei der dynamischen Festlegung der Vergütung und der Arbeitszuweisung eingesetzt zu haben.
Vor zwei Jahren führte Ekker einen ähnlichen Rechtsstreit in Sachen automatisierte Entlassung für eine kleine internationale Gruppe von Uber-Fahrer. Das Verfahren liegt derzeit beim Amsterdamer Berufungsgericht. Uber müsste dann hohe Zwangsgelder (Minimum 584.000 Euro) zahlen. Sechs Monate nach einer Anordnung des Amsterdamer Berufungsgerichts war das Unternehmen den Forderungen von Fahrern nach Einsicht in die Logik der automatisierten Entscheidungsfindung noch immer nicht nachgekommen.
Im Mittelpunkt des Falls steht ein intransparenter „Black-Box“-Algorithmus, der mit Fahrerdaten gespeist wird und für jede Fahrt einen individuellen Tarif festlegt. Fahrer befürchten, dass er die Fahrpreise auf das Minimum drückt, das sie akzeptieren würden. Sie berichteten zudem der britischen Zeitung „The Guardian“, der Algorithmus habe verschiedenen Personen denselben Auftrag zu unterschiedlichen Preisen angeboten und ihnen nach einer langen Fahrt für die Rückfahrt weniger angeboten, da er davon ausgehe, dass sie nicht leer nach Hause fahren wollen.
„Es ist, als würde dich jemand ständig beobachten und deine Schwächen kennen – der Algorithmus ist der Boss“, sagte Mohammed Shirwa, ein 41-jähriger Uber-Fahrer aus Rotterdam. „Der Algorithmus lernt ständig dazu und findet heraus, was du bereit bist zu akzeptieren. So sinken die Preise, aber du sitzt in der Falle. Er weiß, dass du den Auftrag brauchst.“
Kola Oba aus Tottenham im Norden Londons behauptet, Uber nutze die über ihn gesammelten Informationen aus, um die Fahrpreise zu drücken. Er bezeichnet den Algorithmus als “seelenlos” und machte gerade mit einem anderen Fahrer in Tottenham Pause, als ihnen derselbe Auftrag angeboten wurde. Dem anderen Fahrer wurden 27 Pfund (€ 31.40) angeboten, Oba hingegen nur 23 Pfund (€ 26.75). Die beiden vermuteten, dass dies daran lag, dass der 48-jährige Oba bereits mehrere Billigaufträge angenommen hatte und die KI davon ausging, er würde einen niedrigeren Preis akzeptieren. Uber hatte zuvor erklärt, solche Diskrepanzen seien auf andere Systemfunktionen wie GPS, dynamische Preisanpassungen, Werbeaktionen und Tests zurückzuführen.
„Es ist beängstigend – sie haben alle meine Daten und nutzen sie gegen mein Wohlbefinden“, sagte Oba dem Guardian. „Sie bestimmen, wie viel ich verdiene, wie lange ich arbeiten muss, wie viel Zeit ich mit meiner Familie verbringe und wie viel Freizeit ich habe.“ KI-Modelle spielen eine immer wichtigere Rolle bei der Arbeitsverteilung an Menschen. Sie nutzen ihre rasant wachsende Leistungsfähigkeit, um die Bedürfnisse eines Unternehmens und das Verhalten der Mitarbeiter zu analysieren und agieren dann als eine Art „synthetischer Manager“.
Erst kürzlich verhängte die niederländische Datenschutzbehörde eine Geldstrafe von 825 Millionen Euro gegen Uber, weil das Unternehmen Fahrerkonten ohne angemessene Vorwarnung automatisiert deaktiviert hatte (Taxi Times berichtete). Uber kündigte Berufung an. Das Unternehmen plant außerdem, fahrerlose Autos in europäischen Städten von London bis Zagreb einzuführen, zunächst unter menschlicher Aufsicht.
In der Klage wird dem Unternehmen außerdem vorgeworfen, Fahrerdaten unrechtmäßig zum Trainieren seiner KI-Modelle verwendet zu haben. Gefordert werden Schadensersatz für die betroffenen Fahrer und eine einstweilige Verfügung, um das Vorgehen zu unterbinden, das nach Ansicht des Unternehmens gegen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verstößt.
Die Fahrer behaupten, Uber wende in Großbritannien seit 2023 ein dynamisches Vergütungssystem an, das ihr Jahreseinkommen um etwa 5.000 £ senke. In den Niederlanden wurde das System dieses Jahr eingeführt. Ubers CEO, Dara Khosrowshahi, sagte 2023: „Ich denke, wir können die Zuteilung verschiedener Fahrten an verschiedene Fahrer verbessern, basierend auf ihren Präferenzen oder ihrem Fahrverhalten.“
Uber erklärte, der angebotene Preis für eine Fahrt passe sich nicht am Fahrverhalten einzelner Fahrer an und die Historie der Annahme oder Ablehnung von Fahrten werde nicht zur Personalisierung von Vergütungsangeboten herangezogen. Stattdessen ermögliche die dynamische Preisgestaltung, die Vergütung für weniger attraktive Fahrten zu erhöhen und so das Verdienstpotenzial der Fahrer zu steigern. „Die Uber-App nutzt Echtzeitinformationen über die Fahrt, wie Route, Dauer und Ziel, um den Fahrpreis zu berechnen“, sagte ein Uber-Sprecher.
„Fahrer sehen ihre Einnahmen und das Ziel einer Fahrt, bevor sie entscheiden, ob sie diese annehmen. Der Großteil des Fahrpreises geht weiterhin dorthin, wo er hingehört: in die Taschen der Fahrer. Der Anteil, den Uber einbehält, ist relativ konstant geblieben.“
Dem widerspricht allerdings eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Oxford aus dem Jahr 2025. Sie ergab erhebliche Einkommensverluste bei den Fahrern nach Einführung des „dynamischen“ Algorithmus. Doch auch dazu hat Uber eine Meinung: man behauptet, die Studie würde auf unvollständigen und selektiven Daten beruhen. wf
James Farrar von der Worker Info Exchange (WIE): Foto LinkedIn
Beitragsfoto: KI-generiert







