Ende August geisterte die Frage durch verschiedene Medien, ob das Taxi die Digitalisierung verschlafen habe und Taxifahren zu teuer sei. Auslöser war die Veröffentlichung eines „Diskussionspapiers“ des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), welches über die Befragung von 898 Personen zu deren Wahrnehmung, Nutzung und Zukunftsperspektiven des Taxis berichtete.
Ein Kommentar von Remmer Witte
Prof. Andreas Knie, Anke Schmidt und Lara Meyer veröffentlichten im August 2026 ein „Discusionpaper“ mit dem Titel „Taxi im Wandel: Einstellungen, Nutzungsmotive und Nutzerstruktur, eine empirische Untersuchung aus dem Rhein-Main-Gebiet“, welche sie für das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) erstellt haben. Unter anderem griffen das Handelsblatt, der Tagesspiegel, die Westdeutsche Zeitung oder auch Börsennews die Studie auf und berichteten entsprechend reißerisch über das Thema.
Das Ergebnis lässt sich im KI-Zeitalter bei Google nachlesen, wo die „Kerninhalte des Papiers“ wie folgt beschrieben werden:
- Digitalisierung verschlafen: Die Forscher weisen darauf hin, dass das Hauptproblem der Taxibranche nicht nur der reine Preiswettbewerb sei. Vielmehr habe das Gewerbe die Anpassung an moderne Kundenerwartungen bei Buchung, Kommunikation und Bezahlung versäumt.
- Das Imageproblem: Über 39 Prozent aller Befragten assoziieren Taxis direkt mit zu hohen Kosten. Rund zwei Drittel derjenigen, die prinzipiell kein Taxi nutzen, wären hingegen bereit, App-basierte Fahrdienste in Anspruch zu nehmen.
- Vorteile der Plattformen: Vor allem die jüngere Generation schätzt an Fahrtvermittlern die transparente, bargeldlose Abrechnung sowie die digitale Buchung per App, bei der der Festpreis oft vor Fahrtantritt feststeht.
Das Fazit der Studie:
- Die Zukunft des Taxis liegt laut Prof. Knie und seinem Team nicht im künstlichen Schutz „verkrusteter, traditioneller Strukturen“ (etwa durch politisch erzwungene Mindestpreise für Uber & Co.), sondern in der Modernisierung des eigenen Angebots. Das Gewerbe müsse sich zu einer leicht zugänglichen, digital gesteuerten Mobilitätsdienstleistung wandeln.
Tatsächlich hatten auch viele Medien in einem ähnlichen Tenor berichtet. Nun kann man über die hier zitieren Aussagen unterschiedlicher Meinung sein, allerdings basieren diese originär ja zunächst auch nur auf der Befragung von knapp 1.000 empirisch ausgewählten Personen, die in der Regel wahrscheinlich auch keine Fachleute für das Gewerbe sind, vielfach sogar nicht einmal Kunden. Das Diskussionspapier wurde offensichtlich jedoch gut vermarktet (der Berliner Professor Knie ist ja auch nicht nur irgendwer, sondern ein renommierter Experte) und stellt die Branche trotz alledem – scheinbar wissenschaftlich belegt – an die Wand. Das alles tut Branchenvertretern natürlich weh, sehr weh!
Schaut man sich die Studie allerdings genauer an, stimmt diese Wahrnehmung gar nicht mehr unbedingt. Insbesondere zum Ende der Studie werden dort „Handlungsempfehlungen für die Taxibranche“ formuliert, die erheblich konstruktiver wirken. Aus den Ergebnissen der empirischen Untersuchung ließen sich danach nämlich folgende strategische Konsequenzen ableiten:
- Zunehmende Bedeutung zentraler digitaler Vermittlungssysteme
- Ausbau digitaler Buchungs- und Abrechnungssysteme als Standardangebot
- Analoge Buchung beibehalten
- Zuverlässigkeit & Pünktlichkeit, Servicequalität und Freundlichkeit des Fahrpersonals stärken
- Qualitätsstandards für Sauberkeit und Fahrzeugzustand
- Entwicklung transparenter (Fest-)Preismodelle insbesondere für Kurzstrecken
Hier trifft die Studie tatsächlich die notwendigen Projekte der Gegenwart oder Zukunft der Branche und gibt nicht nur den Gewerbetreibenden selbst, sondern auch dem Gesetzgeber Hausaufgaben auf. Im Folgenden wird dieser Auftrag sogar noch konkreter, indem die Taxameterpflicht als zentrales Entwicklungshemmnis für das Taxi ausgemacht und auch die öffentliche Bereitstellung an Taxiständen als veraltet angriffen wird. Auch stellt die Studie die Existenzberechtigung des Taxis nicht in Frage, sie regt nur eine notwendige Metamorphose an.
Das Taxi habe seinen Markt und werde diesen bei konsequenter Digitalisierung auch im demographischen Wandel behaupten. Allerdings spielten dabei zwei Elemente kaum noch eine Rolle, die bei der Einstufung des Taxis als privilegiertes Transportmittel im Sinne des PBefG eine zentrale Bedeutung hätten: Das Taxameter als verlässlicher Preisindikator werde kaum noch geschätzt und verhindere vielmehr dynamische Preisstrukturen. Zudem scheine auch die Positionierung des Taxis an exponierten Plätzen der Stadt im Zuge der immer mehr dominierenden Plattformökonomie eine deutlich geringere Bedeutung zu bekommen. Es gelte also, die Funktion des Taxis für das Gemeinwohl in Zukunft noch deutlicher zu schärfen.
Für das Taxigewerbe verbleibe daher die Botschaft, die traditionellen Stärken wie Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit und persönliche Kommunikation mit einem konsequent vereinfachten, digitalen Kundenerlebnis zu verbinden. Die Zukunft des Taxis liege eben nicht in einer Belebung tradierter Strukturen, sondern sie hänge von der Fähigkeit ab, sich als moderne, verlässliche und leicht zugängliche Mobilitätsdienstleistung (neu) zu positionieren.
Diese Handlungsempfehlungen sprechen dann also gar nicht mehr davon, dass Taxi zu teuer sei – diese Botschaft der Befragten wird in der Studie gar nicht weiter interpretiert. Diesbezüglich ist ja auch Fakt, dass die Taxitarife von den Genehmigungsbehörden kalkuliert werden, was in der Regel die aktuellen Tarife zum ökonomisch fundierten Ergebnis hat. Schade ist dagegen, dass die konkurrierenden Plattformangebote nicht bezüglich der Kostendeckung ihrer Fahrpreise hinterfragt werden, denn deren Entgelte hielten einer solchen Überprüfung wohl meistenteils kaum stand.
Auch bei der angeregten Metamorphose sind viele Unternehmen und Unternehmergemeinschaften durchaus schon auf einem guten Weg. Vor allem die Annäherung an den Linien-ÖPNV bietet hier nach wie vor große Chancen für das Gewerbe. Nur bezüglich der vermeintlich verschlafenen gemeinsamen Digitalisierung scheint richtig, dass das Gewerbe hier Nachholbedarf hat.
Natürlich darf man nicht außer Acht lassen, dass der Vergleich mit den Plattformen insofern hinkt, als es sicherlich leichter ist, von oben nach unten zu digitalisieren, als ca. 30.000 Unternehmen unterschiedlichster Größe und Struktur in Stadt und Land zzgl. Zentralen gemeinsam auf eine Spur zu bringen. Im Ergebnis ist das Digitalisierungsdefizit der Branche also wohl unbestreitbar, nur passt der Stempel des Verschlafens nicht unbedingt auf diese maximal differenzierte Unternehmenslandschaft im Vergleich zu Global Playern, die sich von Beginn an ganz neue, passende Strukturen schaffen konnten.
Aber ja, vor allem bei der Online-Bestellung ist das Taxi einfach nicht sexy. Eine gemeinsame App für alle 50.000 Taxis in Deutschland wäre dafür natürlich der wichtigste Schritt in Richtung der notwendigen Digitalisierung. Diese Nachricht ist niemandem im Gewerbe neu. Trotzdem scheint man davon immer noch genauso weit entfernt wie vor 10 oder auch 20 Jahren.
Grund dafür scheint vor allem die unheilige Verknüpfung von Verbands- und Vermittlerinteressen sowie die zerfledderte Führungsstruktur der Branche zu sein. Erst, wenn eine solche App nicht mehr als Mittel zum Geldverdienen oder als Machtinstrument verstanden wird, sondern als gemeinsames Schwert, welches klein und groß in Stadt und Land gemeinsam gegen die Machtübernahme der Plattformen schwingen können, wird man diesbezüglich vorankommen können.
Beim genaueren Hinsehen bietet das Diskussionspapier also nicht unbedingt die Basis für einen generellen Abgesang des Taxis, wie es dann in den diesbezüglichen Veröffentlichungen teilweise rüberkam, sondern es bietet durchaus konstruktive Verbesserungsvorschläge an. Es wäre zwar schön gewesen, wenn diese Nachrichten nicht so reißerisch rübergekommen wären, aber damit muss man nun wohl leben. rw
Beitragsbild: Phoenix aus der Asche (Remmer Witte)







Ganz ehrlich: Was der Professor und sein Team hier erzählen, klingt nach Theorie aus dem Hörsaal und hat mit der Realität im Taxi-Gewerbe wenig zu tun.
Taxis haben keine frei erfundenen Preise. Die Tarife werden von den Kommunen bzw. zuständigen Behörden festgelegt. Wir können nicht einfach selbst entscheiden, was eine Fahrt kosten soll. Auch über Apps können wir das nicht beliebig ändern.
Uber und Bolt haben dagegen ganz andere Möglichkeiten und können ihre Preise bzw. dynamischen Preise selbst gestalten. Genau dadurch entsteht der enorme Preisdruck und teilweise ein regelrechter Dumpingpreis-Wettbewerb.
Wir haben selbst die Taxi-EU-App. Kunden können dort per App bezahlen, einen Festpreis sehen und den Preis bereits vor der Fahrt erfahren. Trotzdem schauen die Kunden am Ende natürlich, welcher Anbieter günstiger ist.
Und genau hier liegt das Problem: Wie soll ein fairer Wettbewerb funktionieren, wenn auf der einen Seite Taxis an kommunal festgelegte Tarife gebunden sind und auf der anderen Seite Plattformen ihre Preise flexibel gestalten können?
Bevor man solche Konzepte als große Lösung präsentiert, sollte man vielleicht einmal mit den Taxifahrern sprechen, die jeden Tag auf der Straße stehen und mit echten Kunden und echten Preisen zu tun haben.
Das, was der Professor von sich gibt, ist kompletter Blödsinn. Tut mir leid für diese Ausdrucksweise aber wir sind genauso digital und digitalisiert wie UBer und Co.
Letztendlich ist es eine Preisfrage, denn Taxi zu fahren ist purer Luxus man kann nicht von A nach B für Nader fahren. Der Preis entscheidet darüber, ob die Kunden mit Uber oder mit Taxi fahren.
@Peter und @A.Mueller
UberBolt&Co spielen mit den Mietwagen Taxi ohne Taxi zu sein. Mietwagen ist etwas anderes als Taxi. Als Fake/Pseudo-Taxis brechen sie alle einschlägigen Spielregeln. Sie gehören vom Platz gestellt. Doch der Schiedsrichter scheint immer noch nicht wirklich auf seinem Posten zu sein.
Sollte auch Ihnen beiden klar sein.
Die Studie selbst ist fragwürdig. Sie geht auf subjektive Aussagen zurück und erst recht sind darauf aufbauende Schlüsse schwierig.
Selbst seriöse Studien, wie die vor ein paar Tagen von der TU München zur Effizienz von E-Autos veröffentlichte, wurde von höchster politischer Stelle (MP Söder) so uminterpretiert, dass sie ihm in sein politisches Konzept passt.
Dabei wurde an der Systematik der Studie von der TUM selbst Kritik geübt, da sie u.a. noch keiner Peer-Review unterzogen worden war.
Also lieber nochmal etwas tiefer graben und den Fakten eine Chance geben.
Dazu gehört, dass vor allem die Effizienz der Taxis durch ihre Verpflichtung zur Bereitstellung an den Orten des Bedarfs gegeben ist. Kurze Anfahrtwege, geringe Anfahrtzeiten und direkte Verfügbarkeit.
Das ist die Aufgabe von Taxi im Gegensatz zum Mietwagen. Das ist kein Privileg. Sondern die Aufgabe, die die Kommunen durch zur Verfügung stellen der Taxistände ermöglichen müssen.
Der seit über einem Jahrzehnt andauernde Umsatzdiebstahl verschlechtert die Effizienz, verlängert die Leerlauf- und Standzeit.
Das hat Einfluss auf die Kalkulation der Kommunen zur Tarifberechnung und erhöht sogar die Kosten für die Kunden. Wenn also Taxis besser ausgelastet werden, können auch die Tarife sinken!
Mietwagen hat ein anderes Geschäftsfeld und begeht Diebstahl am Umsatz des Taxigewerbes, wenn Mietwagen sich als Pseudo/Fake-Taxis benehmen. Sie haben die Pflicht, nach Ausführung ihres Auftrags an den Betriebssitz zurück zu kehren und dort ihre Aufträge anzunehmen. Vom Chef oder Disponenten.
Wenn sie in der Stadt kreisen oder sich irgendwo in eine Parklücke drücken oder auch ganz ungeniert verkehrsbehindernd geparkt auf einen neuen Auftrag lauern, sind sie als Fake/ Pseudo-Taxis erkennbar.
Alles bestens bekannt.
Und dann immer noch solche Kommentare!