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Start Autonomes Fahren

Autonomes Fahren: Pilotprojekte in Europa – Beispiel Baltikum

von Axel Rühle
20. Juni 2026
Lesedauer ca. 4 Minuten.
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Autonomes Fahren: Pilotprojekte in Europa – Beispiel Baltikum
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Aus verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten häufen sich die Meldungen über Robotaxi-Projekte, die zum Teil kurz vor der Serienreife stehen. Auch die Gesetzgebung dafür ist in einigen Ländern bereits weit fortgeschritten. Wir berichten in mehreren Teilen:

Teil 1: Aktueller Überblick und beteiligte Player
Teil 2: Ursprünge und heutige Situation in Deutschland
Teil 3: Lobbyarbeit in Großbritannien zahlt sich für Wayve und Waymo aus
Teil 4: Belgien arbeitet am Rechtsrahmen
Teil 5: Hohe Dichte an Projekten in Estland, Lettland und Litauen
Teil 6: Viele Player in Spanien
Weitere Teile folgen.

Dies ist Teil 5: Hohe Dichte an Projekten in Estland, Lettland und Litauen

Die baltischen Staaten gehören nicht zu den führenden Standorten des autonomen Fahrens wie die USA, China oder Deutschland, haben aber seit den 2010er Jahren eine beachtliche Zahl von Pilotprojekten hervorgebracht. Besonders Estland, flächenmäßig knapp so groß wie Niedersachsen, hat sich als Testfeld für autonome Shuttles und Robotaxis profiliert. Lettland und Litauen setzen stärker auf Forschung, Smart-City-Projekte und einzelne Demonstrationsvorhaben.

Markus Villig; Foto: Bolt

Bei Estland denkt jeder, der auch sich auch nur ein wenig mit dem kriminellen System der Plattformmietwagen befasst hat, sofort an den großen Uber-Konkurrenten Bolt und seinen Gründer und Geschäftsführer Markus Villig, der die Fachwelt im Februar unter anderem mit der Aussage irritierte, dass es doch gut für die Gesellschaft sei, wenn Anbieter wie Bolt nur deshalb attraktiv seien, weil es keine Alternativen auf dem Markt mehr gebe und die klassische Taxibranche aussterbe (Taxi Times berichtete).

Im selben Interview mit der Tageszeitung „Welt“ ließ Villig keinen Zweifel daran, wohin die Reise für Bolt gehen soll: In zehn Jahren würden selbstfahrende Autos „das Einzige sein, was zählt“, weil sie günstiger, sicherer und bequemer seien. Er sei sich „hundertprozentig“ sicher, dass man künftig keine Fahrer mehr brauche, und wolle Bolt als „führenden europäischen Player“ in diesem Bereich positionieren. Die Technologie dafür kauft er in China ein – beim Robotaxi- und KI-Unternehmen Pony.ai, denn, so Villigs vernichtendes Urteil über den eigenen Kontinent: „Es gibt in Europa kein einziges ernstzunehmendes autonomes Autounternehmen.“ Dass ausgerechnet ein Unternehmen, das sein Geschäftsmodell auf der systematischen Umgehung von Arbeits- und Sozialrecht aufgebaut hat, nun als Vorreiter für die fahrerlose Mobilität in Europa auftreten will, gibt erneut Aufschluss über Villigs Maßstab für Menschen und den Wert ihrer Arbeitskraft.

Autonomer Shuttle Iseauto; Foto: Lauri Veerde, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Doch Estland, der nördlichste der drei baltischen Staaten – die Hauptstadt Tallinn ist Luftlinie nur durch 80 Kilometer Ostsee von Helsinki getrennt – hat im Bereich autonomes Fahren mehr zu bieten als den umstrittenen Tallinner Fahrdienstvermittler. Der wichtigste estnische Akteur auf dem Feld der Fahrzeugtechnologie ist Auve Tech, hervorgegangen aus der Tallinn University of Technology (TalTech).

Magnetic MRO setzt autonome Fahrzeuge von Auve Tech ein, um Mitarbeiter und kleine Pakete auf dem Gelände des Flughafens Tallinn zu befördern. Foto: auvetech

Bereits 2018 stellte das Unternehmen mit „Iseauto“ den ersten in Estland entwickelten autonomen Shuttlebus vor, der zunächst auf dem TalTech-Campus und in Tallinn getestet wurde. Ab 2021 folgte das Nachfolgemodell „MiCa Shuttle“, das für den Einsatz auf öffentlichen Straßen ausgelegt ist und seitdem einerseits in Estland selbst erprobt wurde, und zwar in Tallinn im Stadtentwicklungsgebiet Ülemiste Smart City, in der zweitgrößten Stadt Tartu sowie in Hafen- und Industriegebieten, andererseits auch in Finnland, Deutschlaand und den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Einsatz kam.

Ebenfalls aus Estland stammt Starship Technologies, der weltweit bekannteste Hersteller autonomer Lieferroboter, der von den Skype-Mitgründern Ahti Heinla und Janus Friis gegründet wurde. Die kleinen sechsrädrigen Roboter, die Pakete und Mahlzeiten auf der letzten Meile zustellen, sind zwar keine Fahrzeuge zur Personenbeförderung, belegen aber, welche Kompetenz im Bereich autonomer Mobilität sich in dem kleinen Land mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern angesammelt hat.

Autonome Essenslieferung; Foto: Starship

Ein weiteres Unternehmen, Clevon, entwickelte seit den späten 2010er-Jahren selbstfahrende Zustellfahrzeuge für die letzte Meile und testete diese in Estland, den USA und Großbritannien.

Im etwas größeren südlichen Nachbarland Lettland, etwas kleiner als Bayern, war es das Hafenstädtchen Ventspils (Windau), das zu den ersten baltischen Städten mit autonomen Shuttleversuchen gehörte. Unter Beteiligung der dortigen Hochschule für angewandte Wissenschaften und mit Unterstützung durch EU-Förderprogramme wurden autonome Shuttlebusse auf definierten Strecken als Smart-City-Demonstratoren erprobt und in die digitale Verkehrssteuerung integriert.

Lettland beteiligte sich zudem seit den 2010er-Jahren an mehreren europäischen Forschungsprojekten zu Vehicle-to-Infrastructure-Kommunikation und vernetztem Verkehr, koordiniert unter anderem durch die Riga Technical University und das Verkehrsministerium im Rahmen des EU-Projekts C-Roads. In der Hauptstadt Riga und anderen Städten wurden darüber hinaus Lieferroboter des estnischen Unternehmens Starship Technologies erprobt.

Postzustellroboter, deren Fächer per App geöffnet werden können; Foto: Clevon

Litauen, der südlichste Staat des Baltikums mit Grenze zu Polen und nur geringfügig größer als Lettland, setzt stärker auf universitäre Forschung, Smart-City-Anwendungen und Logistikprojekte. In der Hauptstadt Vilnius wurden seit Ende der 2010er-Jahre mehrere Demonstrationsfahrten mit autonomen Kleinbussen durchgeführt, darunter Campus- und Innenstadtverkehre. Die Vilnius Gediminas Technical University gehört zu den treibenden Kräften bei der Erforschung automatisierten Fahrens, vernetzter Fahrzeuge und KI-basierter Verkehrssteuerung. Im Umfeld des Hafens von Klaipėda, dem wichtigsten Seehafen des Baltikums, wurden zudem Anwendungsfälle für autonome Logistik- und Hafenfahrzeuge untersucht, darunter automatisierte Containerlogistik und autonome Rangierfahrzeuge im Sinne einer Smart-Port-Strategie.

Fahrerlose Hafenlogistik; Foto: Akkodis

Alle drei Staaten sind seit etwa 2015 regelmäßige Partner in europäischen Forschungs- und Demonstrationsprogrammen. Dazu gehören das C-Roads-Programm für vernetzten Straßenverkehr, das europaweite SHOW-Programm für autonome Shuttlebusse sowie 5G-MOBIX, das grenzüberschreitende Tests autonomer Fahrzeuge unter Nutzung von 5G-Netzen erprobt. Im aktuellen EU-Rahmenprogramm CCAM (Connected, Cooperative and Automated Mobility) sind alle drei baltischen Länder ebenfalls vertreten.

Gemessen an der Einwohnerzahl hat das Baltikum – und hier vor allem Estland – eine hohe Dichte an Unternehmen und Projekten im Bereich autonomer Mobilität hervorgebracht. Für das Taxigewerbe der Region und der Nachbarländer verheißt die Entwicklung nichts allzu Gutes: Was heute noch als Pilotprojekt firmiert, ist in absehbarer Zukunft ein Wettbewerber auf der Straße – und mit Bolt sitzt einer der entschlossensten und skrupellosesten Treiber dieser Entwicklung direkt in Tallinn. ar

Siehe auch: Eine Sammlung von Taxi-Times-Artikeln zum Thema Autonomes Fahren

Beitragsbild: Autonomer Shuttle Iseauto; Foto: Lauri Veerde, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Tags: BoltEstlandLettlandLieferroboterLitauenMarkus Villig
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Axel Rühle

Der Berlin-Insider ist Funkkurs-Dozent und ursprünglich Stadtplaner. Seit 1992 ist er im Besitz eines Personenbeförderungsscheins und immer wieder auch im Taxi anzutreffen. Inhaltlich betreut er in Wort und Bild alle Themen rund um die Taxi Times Berlin.

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